ein nachruf macht karriere – "per twitter trauern" erlebt einen kleinen run

gestern erlebte der kleine czyslansky-blog einen kleinen run: wenn’s gut geht hat czyslansky am tag vielleicht mal 200 besucher. damit sind wir eigentlich auch ganz zufrieden. gestern aber kamen weit über tausend! was war geschehen?

czyslansky-freund tim hat unter dem titel „per twittern trauern“ anlässlich des traurigen tods von martin hug öffentlich gefragt, wie man online angemessen trauern könne. czyslansky-freund alexander broy, der martin hug ebenfalls persönlich kannte, hat das thema aufgetwittert und twitter-häuptling sascha lobo hat zurückgezwitschert. und dann wurde aus dem gezwitscher ein großes brausen und mit donnerhall brachen die zugriffszahlen über uns herein… einige hundert twitterer glotzten auf czyslanky, genauer eigentlich nur auf den post von tim. ok, auch einige unserer älteren posts wurden interessiert am wegesrand aufgenommen und vielleicht fünfzig tagesgäste wollten sogar wissen, wer czyslansky eigentlich ist. seltsam: die schräge und inzwischen alte czyslansky-variante – ein schachproblem der besonderen art – erlebte ein stilles nachglühen, und das war’s dann auch.

die freunde czyslanskys diskutieren heute intern, wie die eintägliche blüte einzuschätzen ist. ICH jedenfalls bin eher traurig über diesen erfolg. drei dinge sind es, die mich irritieren:

1.    der unmittelbare anlass war ja ein klar trauriger. aber das weiß ja eh jeder.

2.    vor allem aber verdankt sich das plötzliche interesse an czyslansky noch nicht einmal dem „nachruf“, sondern eines einzelnen tweets und der guten vernetzung von alexander und vor allem dem kult-status von sascha lobo. unsere anderen themen werden nur in geringem umfang davon profitieren. gut: ein paar dutzend leute haben sich gestern auch unser profil angesehen. und einige unserer alten posts haben auch 20 oder 30 zusätzliche zugriffe erhalten. aber wie lange und wie viel trägt das? profitieren unsere themen davon? denn wir machen das hier ja zum einen aus spaß (czyslansky forschung!), aber auch, weil uns einige themen, etwa die zukunft der medien, die freiheit des internet, der meinung und das ganze glück auf erden, einfach wichtig sind.

3.    und wir sollten sehen, dass da wieder mal ein thema dreht, in dem sich die blog-community mit sich selbst beschäftigt. 90 prozent der dinge, die mit breitem interesse in blogs und tweets diskutiert werden, handeln von blogs und tweets! es gibt kein egozentrischeres völkchen, als die einwohner bloghausens. dagegen ist der durchschnittstexaner (nein tim, dieses mal meine ich nicht dich) ein polyglotter esperanto-schüler. trauern im blog – das mag die community. dann vielleicht noch ein wenig meinungsfreiheit in web, blog und tweet. erfolgreich sind wir erst, wenn blogger nicht mehr über das bloggen bloggen, sondern über die dinge, über sie auch ohne computer und mobilteilchen reden, schreiben und schweigen.

5 Gedanken zu „ein nachruf macht karriere – "per twitter trauern" erlebt einen kleinen run“

  1. Der Mensch interessiert sich nun mal zunächst einmal für sich selbst, dann für seine unmittelbaren Bezugspersonen und dann, vielleicht, für den Rest der Welt. Wir Texaner (dabei bin ich in Washington State geboren…) haben die Nabelschau nicht erfunden, wir haben sie nur verbessert.

    Wie dem auch sei: Interessant fand ich, wie Twitter und Czyslansky auf einmal die Funktion übernahmen, die früher Kondolenzbücher hatten. Offenbar wirkt die Distanz, die diese Medien schaffen, verstärkend. Außerdem bauen sie die Hemmschwellen ab, die ansonsten mit diesem Thema verbunden sind.

    Nichts ist mir jedenfalls peinlicher und bei nichts tue ich mich schwerer als beim Beileidsagen, erst recht dann, wenn ich mich wirklich vom Abbleben eines lieben Menschen zutiefst betroffen fühle. Wenn das Internet hier hilft, dann finde ich das gut.

  2. Einigen wir uns doch darauf, dass es Zufälle sind, die die Menschen im Internet steuern. Manchmal berechenbare, manchmal überraschende. Ich habe gottseidank in meinem eigenen Blog nicht erst beim Tod eines Menschen, der mir nahesteht, gesehen, wie wenig meine Artikel eigentlich mit der Anzahl meiner Leser zu tun haben.

    Mein All-Time-Number-One ist ein Artikel namens „Penner“. Ich schreibe ein paar Bemerkungen zum Pennergame, einem Browserspiel. Dies ließ letzten November meine Userzahlen nachgerade explodieren, der Artikel wurde im Spiel selbst zitiert. Auch nicht schlecht die Auswertungen meiner Referrer: So manch einer, der meinen mühevoll recherchierten und mit einem (anstrengenden!) Maximum an Eleganz aufgerüschten Artikel zum Thema sinnlose Parkverbote findet, hat keinen Blick für meinen Text. Er kommt, um sich das Bild vom Schild abzugreifen.

    Vielleicht sollten wir eine Woche lang auf alt-sumerisch schreiben und dann analysieren, ob das nennenswert Leser kostet 🙂 aber lasst uns warten, bis der Zusammenhang zwischen Kondolenz und Leserzahlen nicht mehr ablenkt 🙁

  3. @svb
    sumerisch? na gut:

    usu-tuku kug-zu niѤ-zi-Ñal¤
    niѤ-tuku niѤ-gur⁄⁄ niѤ-du‡

    falls ich die zeitschrift für assyriologie nr 92 von 2002 richtig verstanden habe, macht das einigen sinn. aber welchen, darüber möge sich twittolos, der gott aller microblogger selbst gedanken machen …

  4. Übrigens: 13% der Besucher von czyslansky.de verbringen mehr als 2 Minuten dort. Mehr als 6%s sogar mehr als 30 Minuten. Zum Lesen des Nachrufs braucht man etwa 30 Sekunden. Unsere Themen kommen also doch an!

  5. Eines der zentralen Themen, die wir auf czyslansky.net diskutieren, ist der mögliche evolutorische Einfluß digitale Medien auf homo sapiens. Hat das Internet das Potential, den User zu verändern? Sind wir andere Menschen, wenn wir online sind.

    Linda Stone behauptet ja, nachweisbare Veränderungen in der Aufmerksamkeitsverteilung bei jungen Internet-Nutzern festgestellt zu haben (CPA oder Partial Attention Syndrom). Sie beobachtet eine Entwicklung hin zum mentalen Multitasking und behauptet, dass Digital Natives mehr Probleme als digitale „Zugereiste“ bei der Konzentration auf eine einzige Aufgabe haben.

    Der Mensch als Node im Net? Der digitale Anpassungsdruck ist unverkennbar.

    Ich sehe unsere Auseinandersetzung mit dem Thema Trauer und Tod im Zeitalter von Twitter durchaus in diesem Kontext als das Herantasten an mögliche neue Formen sozialer Interaktion, sozusagen der kategorische Imperativ der Vernetzung – und nicht, wie offenbar du, lieber Michael, als kurzlebige Online-Gefühlsduselei.

    Die mediengestützte Aufarbeitung und Kommunikation urmenschlicher Emotionen steht noch ganz am Anfang und ist noch kaum erforscht. czyslansky.net ist genau das richtige Forum dafür!

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