Literaten beschäftigen sich ja vorzugsweise damit. Also mit Dramen. Die Leser mögen das;  sei es in theatralischer shakespearehafter Bühnenform, sei es in romanhafter Ausschmückung von Pilcher bis Musil: Dramen, Dramen, Dramen.

Und die Buchhändler leben davon. Ganz gut. Und einer ganz besonders. Das ist der ganz große, der böse: Der Hecht im Karpfenteich. Das Bild ist falsch, denn der Amazonas ist kein Teich und der gleichnamige Händler kein toller Hecht. Das wissen wir, das wurde oft genug in der Presse thematisiert in den vergangenen Wochen. Dieses Mal aber ist der Online-Shop und Universalkaufhäusler (denn Buchhändler kann man ihn wohl nicht mehr nennen, seit seine Produktpalette von künstlichem Sperma über den Komfort-Rasenmäher bis zur Doppel-Kilo-Packung Gummibärchen reicht, Amazon hat eben für alle genau das richtige im Onlineprospekt) gänzlich unschuldig. Auch Geschenkgutscheine verkauft Amazon, und das hat ein Drama ausgelöst, das seinesgleichen sucht.

Hauptakteure sind die empörten Buchhändler und der Hamburger Carlsen-Verlag. Letzterer stellvertretend, denn schuldig ist eigentlich Conni.

Conni?

Wenn Sie Kinder haben, dann kennen Sie vielleicht Conni. Das ist die mit der roten Schleife im Haar. Unzählige Geschichten von ihr gibt’s auf Hörspiel-CDs, in Pixi-, Vorlese- und Lesebüchern. Nicht weiter von Belang, aber Conni ist auch in die Jahre gekommen. Jetzt ist sie 15 und freut sich, wie man im Band „Mein Leben, die Liebe und der ganze Rest“ nachlesen kann über ein Geburtstagsgeschenk ihrer englischen Brieffreundin Mandy. Während sich also die beiden Mädchen ganz oldschool einer Brieffreundschaft hingeben, schickt Mandy – hypermodern – Conni einen Amazongutschein zum Geburtstag. Praktisch, weil sprach- und grenzübergreifend nutzbar…

Der Carlsen-Verlag hat aber wohl nicht mit der geballten Macht erregter Buchhändlerinnen gerechnet, die dieser kleine Schlenker in der Geschichte zum Toben bringt. Die nämlich haben sofort die Stimme erhoben, diesmal nicht gegen Stuttgart 21, Minderheitendiskriminierung, die Vertreibung des Großen Abendseglers aus einem Brandenburger Kirchenkeller oder die Etatkürzungen des städtischen Theaters. Diesmal ballt sich drohend die Faust gegen den  Verlag, aus dessem Bestand Bestseller-Reihen wie Harry Potter, die Bücher der  Twilight-Saga oder eben Conni stammen, also gegen eine ihrer ganz großen goldenen Gänse. Wie im Newsletter Börsenverein des deutschen Buchhandels berichtet, ist die Wut groß. Unsensibel sei es, die stationären Händler so vor den Kopf zu stoßen:

„Wir können hier in der Buchhandlung nur den Kopf schütteln“ meinen etwa die Sortimenterinnen Annemarie Schneider und Jutta Bummel von Eulenspiegel in Hochheim. „Wir gehen mit viel Engagement in Kindergärten und Schulen, haben in dieser Woche mehr als zehn Klassenbesuche hier im Laden, um Kinder und Jugendliche für das Lesen zu begeistern und bekommen jetzt so etwas zu lesen. Was hat sich das Carlsen-Lektorat dabei gedacht?“ Sie und weitere Buchhändler wollen diesen Band nun nicht mehr verkaufen.

Die Google-Bilderwsuche gibt ein ziemlich einheitliches Bild zum Stichwort „Buchhänderlin“. Wer kampfbereit ist? Man weiß es nicht…

Tja – die Bücherwürmer haben gebrüllt. Und der Löwe ist eingeknickt.  Carlsen wird den Text in der nächsten Auflage ändern, die Sortiments-Händler, die dieses Buch boykottieren, dürfen es retounieren.

Das ganz große Drama findet eben immer noch im kleinen Buchhandel um die Ecke statt. Zwischen Mürbegebäck und Lindenblütentee.

Und Amazon?

Man weiß es nicht. Aber es ist zu vermuten, dass während dieser den deutschen Buchmarkt revolutionierenden Vorkommnisse derweil tausende und abertausende Pakete die Warenlager verlassen. Mit oder ohne Connibüchern, Rasenmähern, Gummibärchen… und hin und wieder mit künstlichem Sperma.

4 Antworten

  1. Die Geschichte ist wirklich saulustig. Ich frage mich gerade, ob Amazon mehr Verständnis gehabt hätte, wenn Conny ihrer Freundin einen Gutschein ihres lokalen Buchhändlers geschenkt hätte. Irgendwie diskriminiert das ja auch Onlinehändler.

  2. Ich kann ja einerseits den Aufschrei der Buchhändler/inn/en schon verstehen. Andererseits: seit MEINE Buchhandlung ihren Umsatz in erster Linie mit sprechenden Einkaufstüten, „Spaß“-Artikeln und Kalendern macht, ich dort dafür keine Tipps zu aktuellen Neuerscheinungen mehr bekomme, bestelle ich zunehmend – und durchaus ungern – bei amazon.
    Die nächste vernünftige Buchhandlung ist 15 Kilometer weit entfernt. Leider hat mein alter Buchhändler vor mir aufgegeben.

  3. Wer Conni kennt, weiß auch, dass es sich um sexistischen Mädchenkram handelt. Die einzigen Männer, die darin vorkommen, sind ein Nebendarsteller namens „Papa“, selten präsent, ziemlich unterwürfig und nicht wirklich beeindruckend, und ein Feuerwehrmann (vermutlich, weil der hartgesottensten Autorininnin eine Feuerwehrfrau zu surrealistisch erschien). Ach ja, und es gibt sogenannte „Jungs“, die spielen Fussball, aber Conni kann es besser, no na, aber das sind ja keine Männer. Mit wachsendem Alter nimmt Conni diese „Jungs“ auch als potentielle Objekte ihrer Affekte war. Zum Beispiel Phillip (sic!). Die merkwürdige Schreibweise passt zur merkwürdigen Schreibweise der „Conni“. Da diese Reihe bei meinen Töchtern gottseidank schnell in Ungnade fiel, enden hier auch meine Kenntnisse, ich musste schon lange nichts mehr von Conni vorlesen.

    Dass in diesem Kontext ein Amazone-Gutschein gut passt, ist doch klar: DIE Amazone schlägt einfach DEN Hugendubel.

  4. Ich kann mich erinnern, dass im 2. oder 3. Harry Potter Buch im ersten Kapitel etwas von einer Play-Station erwähnt ist, die aus dem Fenster geworfen wurde. Es hat sich kein Nintendo oder Microsoft darüber beschwert, wenn ich mich nicht irre!?!

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