Drahtlos in Triest, oder: Die Erfindung des essbaren Internets

Er fand auch nie so richtig Anschluß in Trieste…

Wir leben ja bekanntlich im Zeitalter des „ubiquitous Internet“, in der Allgegenwart der Online-Kommunikation, vor der es kein Entrinnen gibt und die viele (vor allem FS/FAZ!) als Bedrohung empfinden. Man hat sich daran gewöhnt, überall und jederzeit ins Netz gehen zu können, und hat sein Leben und seine Geschäftsgewohnheiten daran ausgerichtet. Und das kann fatal sein, wie folgendes kleine Beispiel aus dem Alltag zeigt.

Vorausgeschickt sei, dass ich eigentlich seit drei Wochen im Urlaub bin, aber was ist heutzutage schon Urlaub, wenn man überall auf der Welt für Kunden und Kollegen erreichbar ist (oder sein muss), das Handy auch beim Abschlagen auf dem Golfplatz klingelt und einen E-Mails beim Kabriofahren an der Dalmatinischen Küste erreichen?

Also habe ich mir gar nichts dabei gedacht, mich für gestern um 13 Uhr für eine Telefonkonferenz per Skype anzumelden. Wozu hat man schließlich sein iPhone am Gürtel  hängen? Gut, ein bisschen kompliziert wurde die Sache, weil wir an diesem Tag gerade von Split zurückfuhren und abzusehen war, dass wir uns so gegen 13 Uhr etwa in der Gegend von Triest befinden würden. Aber Triest ist schließlich eine zivilisierte Stadt, ein Teil Italiens. Mehr noch: Es ist die Stadt, die im Leben des genialen Vordenkers des Digitalen eine herausragende Bedeutung erfuhr, wie unser Freund und Mitbegründer der Czyslansky-Gesellschaft, Michael Kausch, immer wieder in seinen Forschungsarbeiten beleuchtet. Schließlich betrieb dort seine Großtante Ella im Rotlichtmilieu ein kleines Etablissement, was ihr bei der Verwandtschaft den Spitznamen „Nutten-Ella“ und der Welt einen beliebten Brotaufstrich bescherte  (siehe „Ein Brief von Marcello“).

Wir waren also gegen Mittag in der Hafenstadt am Mittelmeer, stellten den Wagen gegenüber vom James Joyce Café am Kanal ab und machten uns auf die Suche nach einem drahtlosen Internet-Anschluss.  Den Nichteingeweihten sei verraten, dass die Deutsche Telekom in ihrem unerforschlichen Ratschluss dafür gesorgt hat, dass die Skype-App auf dem iPhone nur per W-LAN funktioniert und nicht über das normale 3G-Telefonnetz. So versucht man, sich eine ungeliebte Konkurrenz vom Hals zu halten.

Und so durchlebte ich das, was einem als digitaler Beduine zunehmend oft passiert: Ich irrte ziellos durch die Straßen, die Funktion „Netzwerk wählen“ aktiviert, und wartete darauf, dass sich ein freies (nicht durch Passwort geschütztes) WiFi-Netz auftun würde. Und es wimmelte nur so vor ungeschützten Netzen: Fast jedes der vielen Straßencafé hat eines, mit dem die Kellner Funkkontakt zum Bonierautomaten halten. Doch seltsamerweise konnte sich mein iPhone nicht damit anfreunden. „Verbindung zum Netzwerk DaPapeNet fehlgeschlagen“, hieß es. Als ich den Wirt darauf ansprach, starrte er mich an wie eine Fata morgana: „Internet?“, fragte er ungläubig. Dann machte er die universale Geste für Essen und meinte: „Mangiare?“

Womit wir also der Czyslansky-Stadt Trieste die Erfindung des essbaren Internets verdanken. Was mich aber leider nicht weiterbrachte. Und inzwischen rückte die Uhr schon bedenklich vor, aber ich war noch immer nicht online. Das einzige Internet-Café, neben der Academia Cranio Sacrale (Akademie der heiligen Schädeldecke?) gelegen, erwies sich als Fehlanzeige: Internet gibt’s hier nur per Kabel.

Und so entsann ich mich angenehmer Stunden in den Lobbys internationaler Hotelketten in Deutschland oder in den USA, wo das Internet durch den Äther sprudelt und man sich bei angenehmer Bedienung in bequemen Sitzmöbeln räkeln und seine Online-Geschäfte erledigen kann.

Ich steuerte also das nahegelegene Grandhotel Duchi d’Aosta an, wo schon draußen vor der doppelflügeligen Eingangstür ein W-LAN namens „duchi“ sichtbar wurde, sogar ein scheinbar ungesichertes! Drinnen gab es Sofas, die mit sündhaft rotem Samt bezogen waren und sofort Erinnerungen an Czyslanskys Tante Ella weckte. Ich nahm Platz und wählte mich ein. Doch statt einer Verbindung erhielt ich den Hinweis: „Für Benutzername und Passwort wenden Sie sich bitte an die Hotelrezeption.“ Ich tat das, und die liebreizende junge Italienerin hinter dem Tresen strahlte mich aus schwarzen Augen an, bevor sie mit dem charmantesten aller Lächeln ihr Bedauern aussprach: Leider gäbe  es in diesem Hotel aus Gründen von „security and privacy“ nur für Hotelgäste Internet-Zugang.

Ich wies sie darauf hin, dass ich ja Gast in ihrem Hotel sei. Jedenfalls sei ich durchaus willens, mir gegen Bezahlung eine Tasse Kaffee in die Lobby servieren zu lassen. Meine Frau und ich würden sogar in Betracht ziehen, unser Mittagessen im Hotelrestaurant einzunehmen. Damit sei doch eindeutig eine Gästebeziehung zwischen und hergestellt. Doch nein, meinte das süße Kind mit einem traurigen Kopfschütteln, das genüge leider nicht. Ins Internet käme nur, wer ein Zimmer in ihrem Haus gebucht habe.

Nun, es war inzwischen 12:55 Uhr, und bei mir begann sich leichtes Händeschwitzen bemerkbar zu machen. Doch als ich allen Ernstes die junge Dame nach den Zimmerpreisen fragte und Anstalten machte, das Anmeldeformular zu unterschreiben, schritt meine wesentlich bessere Hälfte endlich ein und zerrte mich hinaus auf die Straße. „Bist du von allen guten Geistern verlassen?“, meinte sie. „200 Euro, nur um ins Internet zu kommen? Du spinnst!“

Womit sie natürlich Recht hat. „Für das Geld hättest du doch mit deinen Kollegen stundenlang übers ganz normale Telefonnetz reden können. Muss es denn unbedingt Internet sein?“

Ich blieb also am Ende drahtlos in Trieste. Analogien zum Zustand der Schlaflosigkeit in Seattle sind rein zufällig. Der Kulturschock sitzt jedoch tief. Der digitale Beduine in mir ist vom Kamel gefallen, das allgegenwärtige Internet hat sich als reine Chimäre erwiesen. Keine Ahnung, wie ich das verkraften soll? Vielleicht sollte ich gleich wieder in Urlaub fahren. Und diesmal bleibt das blöde iPhone zu Hause!

4 Gedanken zu „Drahtlos in Triest, oder: Die Erfindung des essbaren Internets“

  1. ich darf an dieser stelle nur kurz klar stellen, dass ella durch aus nicht MEINE großtante ist, wie tim den anschein zu erwecken sich anheischig macht, sondern natürlich czyslansky seine. ansonsten zeigt tims gewähltes foto einmal mehr, dass die freunde czyslanskys sich ständig einander in die fußstapfen treten: http://bit.ly/triestczysl.

  2. Und wie ich so etwas kenne, wieviele Stunden habe ich schon in schmuddeligen Hinterzimmern von sogenannten Internet Cafés meine wervollten Urlaubsstunden verbracht …
    Der digitale Beduine, Nomade, Fellache oder wie du ihn sonst nennen magst ist in einigen Ländern einfach nur eine arme Sau! (ich werde demnächst aus Dänemark berichten)

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