Digitaler Überlebenskampf

Der Kampf um die Steckdose wird in unserer Familie mit bitterem Ernst ausgetragen, vor allem in unserer Ferienwohnung in Sölden. Damals, als wir die Dachhälfte im Elternhaus meiner Frau ausgebaut haben, lebten wir in einer unschuldigeren Zeit, und der Innenausbauer hielt zwei Steckdosen im Wohnzimmer und je eine in Küche , Flur und Schlafzimmer für völlig normal und ausreichend. Wie hätte er denn auch das Zeitalter der Gadgets vorausahnen sollen, der uns solche Dinge wie digitalen Mundraub und Steckdosenstau beschert hat.

Zählen wir einfach mal zusammen: Meine Tochter hat ein iPhone, einen iPod und einen Laptop. Meine Frau bringt es als digitale Abstinezlerin nur auf ein ganz normales Mobiltelefon, das aber einen ganz anderen Adapter braucht. Ich schleppe auch in den Skiurlaub mein Nokia Lumina 700 und meinen iPad mit, natürlich auch den Laptop, einen iPod und neuerdings auch noch einen Kindle von Amazon, denn wann sonst als im Urlaub kommt man schon dazu, Bücher zu lesen. eBücher, versteht sich. All diese Geräte verlangen ständig nach Strom, Strom, Strom! Wir könnten ein eigenes Familien-Kraftwerk mit Links auslasten.

Die beiden Steckdosen im Wohnzimmer sind aber bereits durch Stehlampe in der einen und Stereoanlage plus Fernseher in der anderen Ecke belegt und befinden sich zudem in den unzugänglichsten Winkeln des Raums. Die Dose in der Küche ist von der kleinen Nespressomaschine belegt, die es damals ja auch noch nicht gab. Bleibt die Dose im Gang, wo geschickterweise auch ein Regal ist, auf dem man das jeweils ladebedürftige Gerät abstellen kann.

Heute Morgen erwischte ich unsere Valerie dabei, wie sie das Ladegerät von meinem Smartphone, den ich gerade erst eingesteckt hatte, heimlich rauszog und ihr eigenes Teil stattdessen anschloss. Es gab laute Worte und dramatische Gesten, und ich musste mächtig den Pater familias raushängen, um im digitalen Überlebenskampf die Oberhand zu behalten. Als ich meine Frau anrufen wollte, um mich bei ihr über ihre missratene Tochter zu beschweren, war ihr Handy gerade leer. Töchterchen hatte sich inzwischen schmollend ins Schlafzimmer zurückgezogen, wo sie in Ruhe ihr Laptop auflud und die neueste Folge irgendeines US-Sitcoms ansah.

Wenn ich mir nochmal eine Ferienwohnung baue, gibt es in jedem Raum ein Dutzend Steckdosen. Oder ich mache in Zukunft alleine Urlaub, und zwar in einem Land, in dem es genügend Steckdosen in jedem Zimmer gibt. Südkorea, zum Beispiel.

3 Gedanken zu „Digitaler Überlebenskampf“

  1. Lieber Tim … du hast nur EINE Tochter …

    Bei mir sind es 4 Kinder mit (bis auf den Kleinsten) mit je 3 Geräten (Notebook, iGlump, Handy) plus eine Frau, die alles andere als abstinent ist.

    Das heisst uns langt im Ferienhaus nicht mal eine 10er Verteiler Steckleiste, die allerdings das wichtigste Reiseutensil ist, was ich dir hiermit auch ans Herz legen möchte.

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