Die Twitter-Revolution

Twitter rief, und alle, alle kamen...

Der Volksaufstand in Moldawien, bei dem das Parlamentsgebäude angezündet wurde, war ein Flashmob, der per Twitter organisiert worden ist.

Laut New York Times hatten Vertreter zweier Jugendbewegungen, „Hyde Park“ und „ThinkMoldova“, einen eigenen Twitter-Tag eingerichtet und zu einer spontanen Demonstration „Ich bin kein Kommunist“ aufgerufen. Innerhalb weniger Stunden strömten daraufhin am Montag dieser Woche mehr als 15.000 Jugendliche im Zentrum der Hauptstadt Chisinau zusammen. Dieser friedliche Protestaufmarsch wiederholte sich am Dienstag, wurde dabei aber von Störern unterwandert und artete in eine Gewaltorgie aus, in deren Verlauf mindestens 118 Polizisten und 79 Zivilisten verletzt wurden und die nur mit Hilfe von Wasserwerfern und Tränengas beendet werden konnte. Präsident Woronin sprach von einem „Putschversuch“ und beschuldigte das Nachbarland Rumänien, Drahtzieher der Unruhen zu sein.

Eigentlich witzig, wenn man bedenkt, dass die Sache in Wirklichkeit drahtlos funktionierte: Natalia Morar, eine der Führer von ThinkMoldova, beschrieb in ihrem Blog die Vorbereitung der Aktion detailliert: Demnach brauchte es „sechs Leite, zehn Minuten fürs Brainstorming und für die Entscheidung sowie ein paar Stunden Arbeit“, um den Aufruf über Twitter, Facebook, Blogs, SMS und E-Mail zu verbreiten.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte für die politische Macht der neuen Medien, dann diese. Das Internet wird mehr und mehr zum mächtigsten politischen Werkzeug der Welt. Darin stecken viele Lektionen für Politiker sowie für politische Aktionsgruppen. Mal sehen, wer sich langfristig als lernfähiger erweist

7 Gedanken zu „Die Twitter-Revolution“

  1. Das Ergebnis der Lernkurve in Moldavien kann ich nicht vorhersagen. Würden sich aber in Deutschland alle Schützenvereine per Twitter zusammenrotten, um den Reichstag zu besetzen, würde man die Schuld bei Twitter suchen.

  2. Mich interessiert welche Rolle Social Media und insbesondere Mikroblogging bei den Protesten und Aufständen gespielt hat. Ich gehe davon aus das die Bedeutung von Social Media für Organisierung von Protesten und Widerstand weiter zunehmen wird. Gleichzeitig darf es nicht zu einer Idealisierung von Medien kommen wie in diesem Fall es teilweise mit Twitter passiert ist (wie z.B. bei der NYTimes „Protests in Moldova Explode, With Help of Twitter“). Twitter ist derzeit der Medienliebling und deswegen laufen auch diese Geschichten so gut. Dabei hat Twitter bei den Protesten gegen den G20-Gipfel schon eine wichtige Rolle gespielt. Insbesondere bei der Organisation des 24-Stunden-Klimacamps und als die Polizeirepression zugeschlagen hatte war Twitter ein sinnvolles Werkzeug für Live-Berichterstattung. Dazu wo Mikroblogs bis jetzt schon alles von Sozialen Bewegungen eingesetzt wurden gibt es einen guten Übersichtsartikel.

    Was die Rolle von Twitter in Moldawien angeht habe ich bis jetzt keine schärfere Analyse gefunden als die von Evgeny Morozov, einem Social Media Experten aus Weissrussland, der derzeit für das Open Society Institute in New York arbeitet. Hier seine Analyse.

    Im Kern besagt sie, das Twitter für die Organisierung keine Rolle gespielt hat, sondern das dafür andere Werkzeuge wie Social Networks und Mailinglisten wichtig waren. Die Leistung von Twitter bestand darin internationale Aufmerksamkeit für die Ereignisse zu schaffen, indem die Posts mit dem kreierten Hashtag #pman gebündelt wurden und die Exilcommunity an der „Diskussion“ teilnehmen konnte, was den „Buzz“ verstärkt hat.

  3. ach gottchen.. früher haben wir sowas mit telefonketten auch bestens organisiert. da hatten die telefone noch drehscheiben und wurden von einem staatsmonopolisten im haus installiert. warum hat eigentlich niemand damals das emanzipatorische potential des telefons so breit diskuktiert, wie heute twitter debattiert wird?

    im ernst: ich finde es schön und gut, dass moderne web 2.0 tools vernünftig genutzt werden und dass sich soziale bewegungen dieser technologien bedienen. aber der ganze hype um twitter und co als befreiungstechnologien langweilt doch einigermaßen.

    mik

  4. Da kann ich Michael Kausch nur zustimmen – schon die Bezeichnung „Twitter-Revolution“ ist doch (hoffentlich) ein Witz. Man erinnert sich vielleicht gerade in München an die „Biergarten-Revolution“, die von der Abendzeitung (The Daily Horror) zwecks Erhöhung der Auflage ausgerufen wurde. Und der ganze Rummel um Twitter macht mich zutiefst misstrauisch. Wobei dieser N.Y. Times-Artikel über Moldawien wohl der vorläufige Höhepunkt unsinniger Berichterstattung war.
    Twitter = Jungbrunnen? Tim Cole, du bist ein unheilbarer Kindskopf, eine Eigenschaft, die dem wahren Künstler bekanntlich bis ins hohe Alter erhalten bleibt (mir fällt da spontan John Cage ein). Aber ich sag dir gern, was ich am Älterwerden sehr schätze. Es ist die zunehmende Fähigkeit, sagen zu können: Das brauch‘ ich nicht.

  5. Pingback: czyslansky

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