die schweizer wollen die zeitung retten, indem sie sie "aufgeben". typisch post.

personalnews

foto: turi-2-blog

die schweizer sind schon ein eigentümliches völkchen. seit monaten diskutiert die branche weltweit über das bedrohungspotential, das den gedruckten tageszeitungen durch neue interaktive online-angebote entsteht, und nun drucken die eidgenossen einfach interaktiv.

 

die schweizerische post experimentiert derzeit unter dem titel „personal news“ mit einer personalisierten gedruckten tageszeitung. dabei dürfen sich die leser die für sie spannenden rubriken aus mehreren etablierten tageszeitungen zusammenstellen. die zeitung kommt dann ins email-fach oder aber in den guten alten briefkasten aus blech.

neu ist die idee ja wirklich nicht. die kollegen von dailyme und zommer sind eigentlich schon erheblich weiter. bei den schweizern geht mir die verheiratung der paradigmen digitaler und konventionaller medien aber in die falsche richtung: digitale medien mit ihren möglichkeiten der personalisierung und interaktivität brauchen kein papier mehr. die hohen druckkosten des printing on demand sollte man sich sparen. meine klassische gedruckte tageszeitung aber liebe ich nicht nur weil sie raschelt, sondern weil sie die fünfte person am frühstückstisch ist, die man nach belieben loben und beleidigen darf. meine „sz“ darf ich  loben, weil sie die „seite 3“ hat, die mich immer wieder überrascht, und tadeln, weil sie nie über den club berichtet, obwohl tausende von franken mit migrationshintergrund sie abonniert haben. vor allem aber: sie will mir beim morgenkaffee keine neuen schuhe zeigen und schimpft nicht über lehrer. würde ich mir ihre inhalte auswählen, würde sie ihre persönlichkeit verlieren. sie wäre ein vermutlich nützliches werkzeug, und nicht länger mehr „gast“ in meinem hause.

interaktive moderne medien sind nützlich und gut. meine tageszeitung aber ist etwas ganz anderes: sie ist einfach „da“. und wäre sie das nicht, würde ich sie furchtbar vermissen. und wenn es stimmt, was turi spekuliert, dass in berlin ein paar junge startups an einer deutschen individualisierten gedruckten tageszeitung arbeiten – „die digitalen Druckmaschinen stehen schon bereit“ – dann ist mir das auch egal.

Ein Gedanke zu „die schweizer wollen die zeitung retten, indem sie sie "aufgeben". typisch post.“

  1. Ich halte das für eine dieser typischen Lösungen, die nach einem Problem suchen – für die ist die IT leider berühmt. Ich sage nur „Rocket eBook“ (anno 1999)!

    Bezeichnend ist auch, dass die Idee und selbst die Umsetzung eigentlich uralt ist: Nick Negroponte hat mir schon 1992 am MIT in Boston einen funktionierenden Prototypen gezeigt, der in der Lage war, eine personalisierte Tageszeitung aus einer Vielzahl von Quellen zusammen zu stellen. Der Witz am MIT-Projekt war, dass die Zeitung dann per Internet zu mir nach Hause gefunkt werden sollte, wo es auf einem eigens dafür entwickelten Drucker auf echtem Zeitungspapier ausgedruckt werden sollte, um mir das vertraute haptische Erlebnis des Zeitungsblätterns zu geben – das war nach deren Forschungslage das Wichtigste überhaupt für die potenziellen Leser.

    Gehört und gesehen habe ich seitdem nichts mehr. Ich glaube auch, dass die Idee nie wirklich fliegen wird. Eingefleischte Zeitungsleser sind in der regel alte Säcke wie ich, die ändern ihre Gewohnheiten nicht mehr. Und die nachrückende „Generation Internet“ braucht sowas nicht. Die lesen am liebsten am Bildschirm, und stellen ihre eigenen Inhalte zusammen, care of Google.

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