Die EMUD Phono Rekord 59 – ein Klanggut

1959 war ein Jahr in dem der Welt viel Gutes geschenkt wurde. Aus diesem Grund kam auch – als traumhaftes Geschenk meines traumhaften Agentur-Teams –  am vergangenen Freitag eine komplette multifunktionale Musikanlage in mein Haus: ein bestens restaurierter spielfreudiger EMUD Phono Rekord aus dem Jahr – ich sagte es schon – 1959.

EMUD Phono Rekord 59

Wer oder was um alles in der Welt ist EMUD?

EMUD, das steht für Ernst Mästling: Ulm/Donau. Heute kennen nur noch unverbesserliche Sammler betagter Röhrenradios diese deutsche Manufaktur. Sie zählt zu den drei ältesten Radiofirmen Deutschlands. Um das Jahr 1959 waren rund 600 Leute bei EMUD damit beschäftigt hochwertige Rundfunkempfänger zu produzieren. Die Geräte waren sogar in den USA ausgesprochen beliebt. Der Exportanteil der Produktion lag zeitweise bei mehr als 25 Prozent. „Made in West Germany“ hatte einen guten Klang. damals schon. 

EMUD Phono Rekord 59

Umfangreiche Klangbeeinflussungsmöglichkeiten: die berühmte Sprachtaste zur Anhebung der mittleren Frequenzen.

In den 20iger und 30iger Jahren bauten die Ulmer preiswerte „Volksradios“, besser und preiswerter als die berüchtigten „Volksempfänger“. Im Krieg wurden die Produktionsanlagen weitgehend zerstört. Trotzdem gelang der Wiederaufbau und in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren blühte EMUD zu nie dagewesener Größe auf. Aber:

Mit dem Aufkommen des Transistors starb das Unternehmen 1972 den raschen japanischen Tod.

EMUD Phono Rekord 59

Klangregler für Höhen und Tiefen

Das Tonmöbel EMUD Phono Rekord 59

380 DM kostete der EMUD Phono Rekord, als er 1959 auf den Markt kam. Das entsprach ziemlich genau dem durchschnittlichen Monatslohn eines westdeutschen Arbeiters. Das war viel Geld, für das man aber auch viel bekam: im wunderhübschen Holzgehäuse befand sich ja nicht nur ein Rundfunkempfänger für UKW, Mittelwelle  und Langwelle – die Dauerwelle saß in der Regel vor den drei (!) Lautsprechern. Trotz der drei Schallwandler handelt es sich natürlich um ein Mono-Gerät – Stereo startete erst in den sechziger Jahren. 

EMUD Phono Rekord 59

Im Oberstübchen spielt ein Philips Plattendreher.

Ganz wichtig aber: oben auf dem Gerät gibt es einen Deckel. Öffnet man ihn, so kommt ein Schallplattenspieler zum Vorschein, der damals allein schon ein Viertel des Gerätepreises ausmachte. Das Chassis SC30 NG1270 /75a von Philips ist eine absolute Design-Granate aus modernstem hüfthalterfarbenem Thermoplast – nix Bakelit – und einem windschlüpfrigem Tonarm mit Kristallsystem AG3019.

Vintage Hifi

4 Geschwindigkeiten für Schallplatten

Platten lassen sich mit vier Geschwindigkeiten abspielen, neben den heute gebräuchlichen 33 und 45 rpm gibt es noch die guten alten 78 rpm für die alten Schellack-Schnellläufer und die überaus seltenen 16 rpm. Platten für diesen Schlafwagen habe ich leider gar nicht. Ich erinnere mich aber mit Schaudern an eine Scheibe mit Marschmusik, die bei meinem Vater im Plattenschrank stand. Die war mit 16 rpm geschnitten und mit 33 oder gar 45 rpm brachte man die virtuellen Soldaten so richtig zum tanzen …

Philips Plattenspieler

Ein Kristallsystem spurt sich einen Weg

Die Original-Nadel hat natürlich schon reichlich Vinyl geritzt und so spielt in meinem EMUD ein auch nicht wirklich modernes aber immerhin den Stereoschnitt verstehendes System. Mit einer Mono-Nadel würde man auch alle modernen Stereo-Platten in kürzester Zeit zerschnitzen. Ich weiß das. Einer meiner modernen Plattenspieler ist mit einer Mono-Nadel für die Seitenschrift klassischer Mono-Platten ausgerüstet und meine größte Angst ist immer, dass mal ein gutmeinender musikinteressierter aber völlig ignoranter Besucher eine moderne Platte unter diese Nadel schiebt. Es wäre ihr Tod! Und seiner!

Alles Röhre

Aber natürlich spiele ich auch in meiner EMUD nur so einigermaßen Zeitgenössisches, vor allem also alte Mono-Platten, alte Jazzer, auch schon mal Elvis und natürlich unsterbliche frühe Klassik- und Opern-Aufnahmen. Hier gibt es zum Beispiel Mario Lanza auf einer RCA Victor von 1958 zu hören:

 

 

Die passt in die EMUD wie nix sonst, oder?

Freilich nutzt die EMUD einen kleinen Trick, um die Platte abspielen zu können. Ihr Gehäuse ist so knapp geschnitten, dass die Platte hinten durch einen kleinen Schlitz in der Rückwand herausschaut. Ziemlich schräg.

EMUD Röhrenradio

Im Inneren sieht es dafür umso aufgeräumter aus. Jedenfalls erblickt ein Lötkolbenschwinger eine aufgeräumte Elektroniklandschaft.

Gleich sieben verschiedene Röhren sorgen für den guten Ton:

  • eine ECH 81 als Misch- und Oszillator-Röhre
  • eine EF89 als Zwischenfrequenzverstärker
  • eine EABC 80 als Demulatordiode
  • eine EL 84 für die Endverstärkung
  • eine ECC 85 verstärkt die Antenneneingangsspannung
  • eine EM 80, ein sogenannter „magischer Fächer“, der die Stärke des Eingangssignals wunderschön visualisiert
  • eine EZ 80 Gleichrichterröhre
Valvo Röhre

Eine alte Valvo EABC 80 Röhre

emud schaltplan

Wer baute das siebenröhrige Beben? Der Schaltplan entbirgt alle Geheimnisse.

Das ist ganz schön opulent und tatsächlich besitzt die EMUD eine überragende Empfangsqualität und einen wunderbar klaren und vollen Röhrenklang.

EMUD RöhrenradioWas soll ich sagen? Die EMUD ist absolute Hochtechnologie aus den spätern 50igern, ein nachdrücklicher Beleg für einen großen Jahrgang – in mancherlei Hinsicht 😉

 

2 Gedanken zu „Die EMUD Phono Rekord 59 – ein Klanggut“

  1. Sehr detailliert geschrieben, toll.
    Noch zwei Fun Facts: Anfänglich baute Herr Mästling übrigens vernickelte Regenschirmgestelle in seiner Fabrik, bis er 1924 die „Genehmigung für den Bau von Rundfunkanlagen“ erhielt. Als er anfing, in Ulm Radioempfangsgeräte zu bauen, konnte dort nicht mal ein Radiosender empfangen werden; der nächste Mast stand seinerzeit in Stuttgart. Zu weit für eine Übertragung. 😉

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