die czyslansky-variante

schach

remis in 42 zügen (czyslansky reagiert mit schwarz)

es ist der einschlägigen fachwelt ja schon lange bekannt, dass czyslansky bereits in jungen jahren als überaus begabter schachspieler galt. in einer alten ausgabe der rumänischen schachzeitung „Revista Româna de Sah“ entdeckte ich jüngst einen hinweis auf die berühmte „czyslansky-variante“, mit der er angeblich am 23. märz 1946 den russischen schachgross- und weltmeister alexander alexandrowitsch aljechin in dessen letzter partie bezwang.

nach nur 32 minuten führte aljechins genialer zug bauer d2:d3 zu einer für den jungen czyslansky, der schwarz spielte, scheinbar ausweglosen situation (siehe oben). in den nächsten 42 zügen aber gelang es czyslansky dem russischen altmeister ein remis abzutrotzen (siehe anatoli karpow: die zwölf schönsten stellungen der schachgeschichte in 24 2d-grafiken. falk praxiswissen band 12). leider ging das wissen um die details der czyslansky-variante später verloren. sie gilt deshalb noch heute als schlichterdings unspielbar. von tigran petrosjan wurde nur der 27. zug überliefert, in dem czyslansky aljechins zug mit dem turm h3:f3 mit dem rösselsprung f4:d5 pariert (tigran petrosjan: wenn der bauer mit der dame. aus dem ukrainischen. unveröffentlichtes manuskript. o.o., o.j., zitiert nach „Revista Româna de Sah“ vom 27. februar 1963). nicht schlecht!

da sich unter den regelmäßigen lesern unseres czyslansky-blogs sicherlich zahlreiche passionierte schachspieler befinden, bitte ich hiermit um vorschläge für die 42 züge, die sich der oben dargestellten ein wenig unübersichtlichen ausgangssituation anschliessen könnten und letztlich zum erwähnten remis führten. vielleicht gelingt uns ja in dieser kleinen und feinen community eine rekonstruktion der sagenhaften czyslansky-variante. dann wäre eine weitere lücke in der rekonstruktion des lebenswerkes unseres verehrten czyslansky geschlossen.

7 Gedanken zu „die czyslansky-variante“

  1. Augenzeugen der legendären Partie gegen Aljechin berichten, dass Czyslansky anschließend so fertig war, dass er sich schwor: „Nie wieder Schach!“ Allerdings ließ sein Interesse an dem König der Spiele nie nach, und er machte sich daran, eine Maschine zu bauen, die ihm die lästige Arbeit des Ersinnens von Zügen abnehmen sollte. Abgelenkt durch andere, wichtigere Projekte wie den Bau eines digitalen Mescal-Destilierkolbens, kam er über erste rudimentäre Skizzen aber nicht hinaus.

    Zwei Jahre später bei einer ausgedehnten Zechtour durch Boston, die in der legendären Schwulenkneipe „Napoleon Club“ endete, traf Czyslansky den berühmten Harvard-Mathematiker Claude Shannon, ein typischer Vertreter des Genus „zerstreuter Professor“, der sich durch die Aufschrift „Boston’s Oldest Gentlemen’s Bar“ an der Tür zu einem Besuch des anrüchigen Etablissements verleiten ließ. Die Hygienestandards im „Napoleon’s“ waren nie die besten, und so war es an sich nichts Ungewöhnliches, dass eine Maus in der fraglichen Nacht scheinbar furchtlos durchs Lokal in Richtung Küche lief. Es darf deshalb vermutet werden, dass dieser Abend die Inspiration zu Shannons wenige Monate später vorgestellten Erfindung namens „Theseus“ lieferte, die erste elektromagnische Computermaus.

    In Wirklichkeit aber sollte dieses Aufeinandertreffen zweier geistiger Riesen viel weitreichendere Folgen haben. Czyslanskys Ruhm als Aljechin-Bezwinger war ihm natürlich längst vorausgeeilt, und Shannon, selbst ein eher mittelmäßiger Spieler, bedrängte Czyslansky mit Fragen zu seiner Strategie und Spieltechnik. Beiläufig erzählte dieser, wie Augenzeugen der Begegnung später kolportierten, dass er über eine Maschine nachdenke, die das Schachspiel automatiseren könne.

    Was Czyslansky nicht wissen konnte, weil das Projekt der nationalen Geheimhaltung unterlag, war, dass Shannon kürzlich von J. Presper Eckert and John Mauchly, den Erfindern von UNIVAC, des ersten kommerzielen Computers, kontaktiert worden war, die nach möglichen Anwendungen des 13 Tonnen schweren, mit 5.200 Vakuumröhren ausgestatteten Rechenapparates suchten. Ganz oben auf ihrer Liste stand das Thema Schach, da die USA gerade im Wettrennen mit der Sowjetunion um die intellektuelle Weltherrschaft arg ins Hintertreffen zu geraten drohte.

    Da der Name „Czyslansky“ in Shannons Ohren verdächtig osteuropäisch klang, versuchte er ihm das Projekt auszureden, indem er auf einer Serviette vorrechnete, wie viele möglichen Spielverläufe beim Schach zu berechnen seien. Das Ergebnis, nämlich 10 hoch 120, beweise, wie aussichtslos ein solches Bemühen wäre, da selbst der leistungsfähigste mechanische Rechner, der damals zur Verfügung stand, circa 10 hoch 90 Jahre benötigen würde, um nur den ersten Zug einer „perfekten Partie“ zu berechnen – etwa zehnmal länger, als die Universum bis heute existiert.

    Tatsächlich ist nicht bekannt, dass sich Czyslansky nach diesem Zeitpunkt weiter mit der Idee beschäftigt hat. Im Gegensatz übrigens zu Shannon, den das Thema keine Ruhe ließ. Am nächsten Morgen, gestärkt durch einen Pott starken schwarzen Kaffees und vier Aspirintabletten, setzte er sich hin und schrieb seinen legendären Aufsatz „Programming a Computer for Playing Chess“, in dem beschrieben wird, wie eine Maschine tatsächlich in die Lage versetzt werden könnte, erfolgreich Schach zu spielen. Der Rest ist Schach-Geschichte: Am 10. Februar 1996 verlor Garry Kasparov als erster amtierender Weltmeister eine Partie gegen IBM’s „Deep Blue„, und zehn Jahre später schlug das von den Deutschen Frans Morsch und Mathias Feist entwickelte Schachprogramm „Deep Fritz“ den Weltmeister Wladimir Kramnik 4-2.

    Das Desinteresse Czyslanskys am Schachspiel könnte sich auch aus seinem zeitweiligen tiefen Kulturpessimismus ableiten, denn einer undatierten Quelle zufolge soll er einmal gesagt haben: „Wenn ein Computer eines Tages besser Schach spielen kann als der Mensch, ist das Ende nah.“ Warten wir ab.

  2. Schachtürke, Bildnachweis: Jan Braun / Heinz Nixdorf MuseumsForum
    Schachtürke, Bildnachweis: Jan Braun / Heinz Nixdorf MuseumsForum

    mein lieber tim,

    da bist du aber wieder mal einem echten „türken“ aufgesessen. czyslansky’s hat seine „idee“ eines schachautomaten wohl eher augenzwinkernd baron von kempelens schachtürken entlehnt. baron wolfgang von kempelen (1734-1804) präsentierte schon 1769 der kaiserin maria theresia einen schachautomaten in gestalt eines hinter einem schachtisches sitzenden „roboters“, der wiederum die gestalt eines türken hatte. lass mich kurz aus dem feinen bändchen des freiherrn joseph friedrich zu racknitz zitieren, welches jener im jahr 1789 unter dem titel „über den schachspieler des herrn von kempelen“ in leipzig veröffentlichte:

    „Das Publikum begegnete dem Automaten mit einer Mischung aus Schock und Lust. Die lebensgroße Puppe in türkischer Tracht saß an der Rückwand eines eleganten Holzkastens. Die Vorderseite, auf dem ein Schachbrett mit Holzfiguren stand, wies drei Türen auf, darunter eine Schublade. Vor der Vorstellung öffnete Kempelen die Abteilungen, um das Innere des Kastens vorzuzeigen. Die Zuseher erblickten ein Gewirr aus Walzen, Hebeln und Zahnrädern verschiedenster Größen. Mit einer Kerze durchleuchtete Kempelen den Automat Abteil für Abteil, danach bat Kempelen einen Freiwilligen aus dem Publikum an das Schachbrett, und endlich begann der Türke, sich selbständig zu bewegen. Bei jedem Zug war ein Rasseln und Ächzen von Zahnrädern zu hören.“

    tatsächlich sass im tisch ein versteckter und des schachspiels mächtiger zwerg. gleichwohl geisterte der angebliche schachautomat noch jahrelang durch die gazetten der bürgerlichen gesellschaft und riss zahllose philosophen zu ergötzlichen ausführungen hin (so auch walter benjamin). beim türken handelte es sich vermutlich um die berühmteste fälschung unseres zeitalters (wenn man von den über 40 präputien unseres lieben herren absieht, die in diversen katholischen devotionalienbeständen lagern; siehe werner fuld: lexikon der fälschungen). vom schachautomaten leitet sich auch das beliebte tunwort „türken“ ab, das heute in der bedeutung von „etwas vortäuschen“ gebräuchlich ist. czyslansky war ja bekannt dafür, dass er seine gesprächspartner gerne ein wenig aufzog, freilich ohne dass diese es merkten.

    ach ja: ein nachbau des türken befindet sich im nixdorf-museum zu paderborn.

    zum weiteren siehe auch tom standage: der türke. die geschichte des ersten schachautomaten und seiner abenteuerlichen reise um die welt. campus verlag ffm 2002.

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