Der Duft der Arbeit – Multisensorik-Studie erklärt, was den Menschen in der Arbeit stinkt

Der Duft der Arbeit

Der Duft der Arbeit

Multisensorik liegt ja gerade wieder einmal im Trend bei allen Marketingstrategen. Bislang ging es dabei aber vor allen Dingen um die kaufstimulierende Wirkung von Gerüchen am PoS, am Point of Sale. In der Gemüse-Abteilung duften ja häufig nicht die Karotten so verführerisch, sondern die Stoffe, mit denen der Marktbereich beduftet wird. Vor einigen Wochen hatte ich mal ein diesbezüglich sehr aufschlussreiches Gespräch mit einem Multisensorik-Spezialisten zum Thema „Wie darf eine Fisch-Kühltheke riechen, damit man dort Lust auf Fisch bekommt?“ Nach Fisch natürlich nicht, nach einer frischen See-Brise schon eher.

In den Sanitärräumen wird die Frage nach den besten Düften auch schon lange gestellt. Der dort häufig anzutreffende „natürliche“ Geruch ist ja meistens nicht so erbaulich. Deshalb haben Duftzerstäuber dort schon lange eine durchaus wohltuende und wichtige Funktion. Römische Sitten sind inzwischen leider ein wenig aus der Mode geraten. Denn wie heißt es bei Heinrich Heine so schön im Wintermärchen:

„Birch-Pfeiffer söffe Terpentin,
Wie einst die römischen Damen.
(Man sagt, daß sie dadurch den Urin
Besonders wohlriechend bekamen.)“

Statt Terpentin in die Benutzerin wird seit einigen Jahren gerne Rosen- und Veilchenluft in die Toiletten geblasen. Aber dabei soll es nicht bleiben.

Erstmals widmen sich heute die Multisensoriker nicht nur dem POS und den Sanitärräumen, sondern dem Arbeitsplatz.

CWSboco Airbar

Duftspender im Meetingraum

Und dort stinkt es manchmal gewaltig, wie jeder weiß, der nicht gerade hauptamtlich in einer Whisky-Brennerei die Fässer beim Reifen beobachtet. Der Sanitärspezialist CWS-boco hat vor wenigen Wochen die „Paradise Air Bar“ vorgestellt, die auch in Büros, in Empfangs- und Meetingräumen eingesetzt werden soll. Zur Wahl stehen derzeit neun Düfte und da ich für das Unternehmen seit vielen Jahren beratend tätig bin, konnte ich die Düfte auch schon testen. Ich stehe auf „Silent Wood„. Jedenfalls solange kein Bowmore Darkest Single Malt Aroma verfügbar ist.

Umfrage zur Multisensorik am Arbeitsplatz

Aber eigentlich wollte ich von zwei Umfragen berichten, die CWS-boco Anfang diesen Jahres in Auftrag gegeben hat und die vor ein paar Tagen vorgestellt wurden: eine der Umfragen richtete sich an Mitarbeiter deutscher Unternehmen und ihre Nasen am Arbeitsplatz. Eine zweite Umfrage wollte etwas über die Investitionsbereitschaft der Entscheider in neun europäischen Ländern in Erfahrung bringen: Wird sich am Duft der Arbeit in den kommenden Jahren etwas ändern? Und warum? Denn es geht nicht nur darum, die Ausdünstungen der lieben Kollegen, und deren Pitralon- und Tosca-Schwaden zu überduften, sondern ganz real darum, dass bestimmte Düfte ganz wie Farben und Klänge uns entweder hungrig, müder, unkonzentrierter oder eben kreativer machen.

Eines scheint festzustehen: der Duft der Arbeit wird sich in den nächsten Jahren ändern. Bislang haben die Personalverantwortlichen einfach ein paar Pflanztröge in die Gänge geschoben und auf angenehme Wandgestaltung geachtet. Bei mir im Büro, in der Agentur vibrio etwa hat jeder Raum eine andere Farbe. Ich sitze in der Regel im grünen Salon und grün macht ja bekanntlich besonders kreativ …

RosmarinUnd im Meetingraum bin ich bislang davon ausgegangen, dass eine gute Montechristo am ehesten zum Wohlbefinden beiträgt. Die Olfaktorik-Experten sehen dies aber leider anders. Glaubt man zum Beispiel einer Studie von Mark Moss und Lorraine Oliver von der Northumbria Universität, so macht Rosmarin die Riechenden schlauer. Sie testeten die kognitiven Leistungen ihrer Versuchspersonen und setzten Sie unterschiedlich starken Einflüssen verschiedener Aromen aus. Dabei zeigte sich, dass Rosmarin die Leistung der Probanden tatsächlich steigern konnte – sowohl in der Geschwindigkeit als auch in der Präzision.

In 4 von 5 Unternehmen ist die Einführung von künstlichen Düften geplant

Der Duft der Arbeit

Aber kommen wir nun wie versprochen zu den beiden CWS-boco-Umfragen.

Es zeigte sich, dass sich drei von vier Arbeitnehmern von schlechten Gerüchen am Arbeitsplatz belästigt fühlen. Dabei scheinen die Nasen der weiblichen Beschäftigten empfindlicher zu sein, als die ihrer männlichen Kollegen.

 

 

Duft der ArbeitSchweiß ist dabei die Ursache Nummer Eins unter den Geruchsbelästigungen: 90 Prozent fühlen sich vom Gestank ihrer Kollegen belästigt. 78 Prozent stören sich am Zigarettenrauch – Raucher erkennt man ja in der Tat auch außerhalb der Raucherzimmer. Immerhin 70 Prozent fühlen sich von Parfum- und Rasierwasserschwaden eingenebelt und jeder zweite goutiert es nicht, wenn die Kollegen ihre Leberkässemmeln oder Fischbrötchen am Schreibtisch auspacken.

Fisch und Chanel stören das Arbeitsklima

Olfaktorik am ArbeitsplatzDer Duft der Arbeit hat Konsequenzen: auf die Leistungsbereitschaft, das Konzentrationsvermögen, auf das allgemeine Wohlbefinden. 62 Prozent meinen sich schlechter konzentrieren zu können, wenn es nebenan nach Fisch oder Chanel No 5 duftet. Jeder Zweite und jede Zweite fühlt sich weniger kreativ und weniger leistungsfähig, wenn ihm oder ihr die Arbeit stinkt.

 

 

Firmen investieren in neue Düfte

Kommen wir zur zweiten Umfrage:  was meinen die Entscheider? Sie wollen den Duftspieß umdrehen: Wenn schlechter Duft die Kreativität und das Wohlbefinden in der Arbeit stört, dann kann ein guter Duft doch auch das Gegenteil bewirken. 61,6 % der befragten Entscheider in Deutschland erwarten eine kreativitätsfördernde Wirkung von Duft im Unternehmen. Das liegt zwar noch deutlich unter dem Vergleichswert für visuelle Reize (86,9 %) – belegt aber doch eine klare Erwartungshaltung gegenüber olfaktorischen Reizen. Guter Duft in der Arbeit soll kreativer machen.

62,3 % aller Befragten meinen, dass sie neue Wege gehen müssten, um die Kreativität der Mitarbeiter zu erhöhen. 57,9 % geben an, dass sie sich noch zu wenig Gedanken machten über die Auswirkungen der Raumgestaltung auf die Kreativität der Mitarbeiter. Aber bereits 81,3 % der Entscheider planen, in ihrem Unternehmen in Duft für Büros zu investieren, 80,5 % für den Empfangsbereich, 77,1 % für Konferenzräume.

Dabei ist die Investitionsbereitschaft in einen neuen guten Duft in den untersuchten neun Ländern durchaus unterschiedlich groß. Die Tulpenzüchter setzen signifikant stärker auf einen guten Duft, als die schweizerischen Käsebarone:

Investitionsbereitschaft Duft

Und auch zwischen den einzelnen Branchen gibt es markante Unterschiede. Am stärksten scheint das Geruchsproblem in der Telekommunikationsbranche zu sein. Bei den Banken wird deutlich weniger Bedarf an neuen Düften gesehen. Aber das weiß man ja: Geld stinkt nicht:

Olfaktorik in Branche

Was bleibt denn nun festzuhalten, vom Duft der Arbeit?

Geruchsbelästigung am Arbeitsplatz ist ein noch immer unterschätztes Problem. Einerseits. Und andererseits gibt es vermutlich ein enormes Potential für Innovationen in der multisensorischen Aufrüstung der Arbeitsplätze, der Meeting-Räume und anderer öffentlicher Räume in Unternehmen. Beim Duft der Arbeit verhält es sich nicht anders als bei der „Kunst im Büro“ und dem Ficus Benjamin neben dem Schreibtisch: richtig gemacht kann man den Wohlfühlfaktor am Arbeitsplatz mit solchen Dingen wirkungsvoll verbessern. Ob ein Unternehmer dabei das Wohl seiner Mitarbeiter oder den möglichen Produktivitätsfortschritt im Auge hat, ist für das Ergebnis ohne Belang: der Widerspruch von Stinkesocken und Rosmarin läuft quer zum Widerspruch von Kapital und Arbeit. Ich bin davon überzeugt: der Duft der Arbeit wird sich so oder so in den nächsten Jahren massiv verändern.

 

 

3 Gedanken zu „Der Duft der Arbeit – Multisensorik-Studie erklärt, was den Menschen in der Arbeit stinkt“

  1. Ich bin mal gespannt, wie die Branche auf die zunehmende Allergien bei den Menschen eingehen, die durch den massiven Einsatz von künstlichen Duftstoffen in eigentlich allem belastet sind. Immer mehr Menschen – so auch ich – sind inzwischen allergisch gegen diese Duftstoffe. Der grosse Erfolg von sog. Naturkosmetik weisst auch in die Richtung.

    Ich wasche mich nur mit Lavendelseife, benutze Pomade und Rasierwasser aus den 30er Jahren mit echtem Zimt oder Menthol. Bei allem anderen bekomme ich Asthma Anfälle.
    In meinem Atelier riecht es wundervoll nach Holz, Leinöl, Pfeifentabak (naturbelassen, was sonst) und Kaffee und das bleibt auch so, wen das stört, der muss gehen und wenn ich dagegen allergisch werden sollte, muss ich mich erschiessen.

  2. Ich verstehe das Problem. Aber nicht der eine Duftstoff ist das Hauptproblem – der lässt sich ja gut in Bezug auf Allergie-Risiken kontrollieren – sondern die vielen unkontrollierten Duftstoffe: Büromöbel dünsten Duftstoffe aus, Leder wird beduftet, wir alle kennen das aus unseren Autos: ein neues Auto riecht heutzutage noch viele Monate lang „neu“, also nach den Duftstoffen, die aus der Produktion kommen oder die in unterschiedlichsten Zusammensetzungen auf Leder, Kunststoff etc. aufgebracht wurden. Das Problem sind die versteckten Düfte und Chemikalien. Ein Duft, der als Duft gezielt eingebracht wird, ist beherrschbar. Die vielen „geheimen“ Düfte sind riskant.

  3. Lack und Leder… kann es einen angenemeren Duft geben?

    Egal, ob im Autohaus oder im Bordell… Männer brauchen eben Fetischgerüche um zu Hochleistung zu kommen. 😉

    Ich zieh ja den Neoprenanzug auch nur an, weil der so gut nach Gummi und Autoreifen riecht…

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