Das Kursbuch ist tot – Print stirbt doch

Hans-Magnus Enzensberger schreibt in der FAZ.NET einen Nachruf auf das Kursbuch. Nein, nicht auf „sein“ Kursbuch, jene von mir einst gelesene und von ihm einster gegründete Zeitschrift. Das wirkliche, wahre und echte Kursbuch der Deutschen Bahn wird eingestellt. Ein letztes Mal erscheint der dicke Wälzer, der auf dünnem Papier auflistet, wann, wo, welche Züge eigentlich abfahren sollen. Ein Werk, das in alter Zeit ebenso unverzichtbar war, wie das gelbe Telefonbuch.

kursbuch

In der elektronischen F.A.Z. erzählt der große Erzähler von seinem Vater, einem leidenschaftlichen Zeigefingerreisenden und seinem „Amtlichen Kursbuch für das Reich, Teil 4, Fremde Länder, Jahrgänge 1928-1939“, einem frühen Helge Schneider, der uns von ein paar Jahren den Expeditionsroman „Globus Dei“ auf gleicher Wissensbasis geschenkt hat.

Mein alter Freund Walter war in den 70iger Jahren weithin (jedenfalls im Fränkischen) dafür bekannt, dass er zahllose selten und nur von unbekannten Reisenden genutzte Provinzverbindungen inklusive Anschlussdaten zu den roten Bahnbussen auswendig aus dem Kursbuch rezitieren konnte. Erzählte er uns zu nächtlicher Kneipenzeit aus dem Kursbuch, so erschloss sich auch mir die Poesie dieses Werks. Ich erinnere mich auch an einen Vortrag von Gedichten Wolf Wondratscheks, in dem eines der Werke bloß aus einer Zusammenstellung solcher Kursverbindungen bestand.

Ich werde es vermissen, das Kursbuch der Deutschen Bahn, auch wenn ich es schon lange nicht mehr zur Hand genommen habe. So wie ich bald schon das konservative Rascheln der F.A.Z. vermissen werde, auch wenn ich sie seit langem schon nur in den Ausschnitten eines Clippingsdienstes lese.

8 Gedanken zu „Das Kursbuch ist tot – Print stirbt doch“

  1. Ich bin seit einiger Zeit ein immer begeisterterer Leser der „ePaper“-Ausgabe der SZ. Ich hatte das Abo ursprünglich nur abgeschlossen, weil ich im Urlaub keine tagesaktuelle Ausgabe bekam, mittlerweile schaue ich aber auch daheim rein.

    Ich vermute, dass es außer Nostalgie in den meisten Fällen eigentlich keinen echten Grund gibt, Informationen auf Papier zu drucken…

  2. Ich finde, aus nostalgischen Gründen sollte die Bahn eine kleine Ausgabe des Kursbuches weiter drucken. Eine so große Ansammlung von Unverständlichem findet man so schnell nicht wieder. Und E-Paper erinnert mich an Theater im TV. Das wirkt auch irgendwie künstlich.

  3. das kursbuch in digital ist sinnvoll. jeder internet-nutzer konnte schneller bahnverbindungen finden, als ein schaffner mit dem gedruckten kursbuch.

    das e-paper ist nützlich. überall in der welt hat man die heimatzeitung im zugriff. ob das oft sinn macht ist was anderes. ausserdem sind die hardwareanforderungen oft recht hoch.

    paper ist geduldig und oft sinnvoller. braucht kein netzteil. kann in der sonne gelesen werden. kann mit aufs klo. umblättern statt page-down. 100%ige präsenz statt „loading next page“. man kann den sportteil rausnehmen und den rest der frau geben. und vor allem: man kann salate damit einwickeln oder grillfeuer anmachen …

    einige sachen lassen sich digital ersetzen und machen sinn.
    viele sachen lassen sich digital ersetzen, machen aber keinen sinn.

  4. Als Amerikaner und damit als ebenso leidenschaftlicher wie professioneller Griller kann ich nur sagen: Zeitungspapier eignet sich überhaupt zum Anzünden! Es stinkt, macht Rauch und wenig Hitze und hinterlässt viel zu viel Asche. Mein Tipp: Der Grill-Kamin von Weber.

    Das Problem mit der Ehefrau lässt sich auch prima lösen: Kaufen Sie ihr ein eigenes Laptop! Dann können Sie beide friedlich morgens am Frühstückstisch beim KAffeetrinken surfen, ungestört die ePaper-Ausgabe Ihrer jeweiligen Lieblingsgazette lesen und sich vielleicht auch noch per E-Mail „guten Morgen!“ wünschen.

  5. für all diejenigen, die je versucht haben mit dem e-paper der süddeutschen zeitung ihren grill anzuzünden, relativiert sich die relevanz der worte tims doch deutlich …

  6. zeitung im grill – die deutsche version vom smoker …

    es gibt bereiche, da sind uns die amerikaner wirklich haushoch überlegen. in der bbq diaspora deuschland nimmt man zeitung, spiritus und tschechische kohle. während in amerika sogar das geeignete holz für den smoker regelmäßig hitzige diskussionen entfacht.

    btw: der deutsche grill hat erfahrungsgemäß immer die beste hitze, wenn die gäste die party bereits verlassen.

  7. Das klingt definitv überzeugend. Ich werde meinen Weber ab sofort nur noch mit den Zedernholz-Spänen entfachen, die sonst eigentlich nur für meine Zigarren zum Einsatz kommen. E-Paper oder Daily-Offline-Analog-Paper (früher Tageszeitung genannt) kamen bei mir noch nie zum Einsatz, weder zum lesen, noch zum Grillanzünden. Aber was nimmt der kultivierte Griller für eine Kohle? Nicht tschechisch, woher dann? Ruhr-Kohle, deutsche Eiche?

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