Czyslanskys Bettlektüre #7: Zwei Geschichtensammlungen über den Wedding

Wieso lesen Sie Geschichten über den Wedding, das ist doch nicht gerade ihr Lebensumfeld?

Das Ganze fing an mit einer Einladung zu einer Lesung, die mich über Facebook erreichte – so ganz und gar Web 2.0 mäßig. Heiko Werning, ein Bekannter, Westfale wie ich, aber jetzt im Wedding daheim, lud mich zur Vorstellung seines neuen Buches ein. Da ich zufällig zu diesem Zeitpunkt in Berlin war und Zeit hatte, bin ich voller Neugier und Abenteuerlust hingegangen. Es hat sich gelohnt. Nicht zuletzt, weil dieser Abstecher in den Wilden Wedding für einen Provinzler wie mich immer auch was Spannendes ist… Ähnlich wie ein Ausflug in den Dschungel. Dazu habe ich an anderer Stelle in meinem Blog ausführlicher geschrieben…

Und dann..?

… habe ich mir nach der Lesung von Heiko Werning sein Buch gekauft. Das macht man schließlich so. Die Autoren möchten, dass man in der Pause oder nach der Veranstaltung am Büchertisch vorbei geht, ein Buch erwirbt (oder gleich mehrere) und es ggf. signieren lässt (auf Letzteres habe ich aber verzichtet) es liest, weiter empfiehlt und hernach zu jeder passenden Gelegenheit ein weiteres Exemplat verschenkt. Davon leben sie, glaube ich zumindest.
An diesem Abend kam auch ein anderer Autor zu Wort, Paul Bokowski. Ein paar Wochen später habe ich sein Buch in München in einer Buchhandlung liegen gesehen und spontan gekauft. Ich weiß, das ist „retro“, in einen Buchladen zu gehen und zu stöbern, aber so etwas kommt schließlich in den besten Familien vor.

Was sind das nun für Bücher?

Heiko Wernings Im wilden Wedding und Paul Bokowskis Hauptsache nichts mit Menschen sind sich relativ ähnlich. Beide Bücher vereinen Kurzgeschichten und Glossen, sind gut gefüllt mit ironischen Übertreibungen und sarkastischen Untertönen aus dem Leben im Berliner Wedding, einem Kiez, der – wie Heiko es als Untertitel formuliert hat – irgendwo zwischen Ghetto und Gentrifizierung steht. In den Geschichten geht es um die ganz alltäglichen Dinge. Viele der skurrilen Begebenheiten und Absurditäten des Alltags sind sicher selbst erlebt. Es kommt eben vor allem darauf an, solche Momente in ihrer Absurdität zu erkennen und alles wunderbar mit satirischer Ausschmückung zu umhüllen.
Und das ist gelungen. Beide Autoren bringen enorm viel Sympathie für den Weddinger Kiez und ihre Bewohner mit. Das müssen sie auch, schließlich leben sie selbst dort, schreiben von sich und ihren Nachbarn. Hin und wieder hat man beim Lesen das Gefühl, hier wird ein Fenster in einen Mirkokosmos aufgestoßen und man darf in beherzt-voyeuristischer Weise zuschauen, wie sich das Leben zwischen Hinterhaus und Missions-Teestube, Dönerbude und Bürgeramt, nächtlichen Straßen und Brillengeschäft abspielt, wie liebevoll (oder auch nicht) die freundlichen Leute der Hausverwaltung, die Nachbarn, die Teilnehmer von Nacktschlagerparties, die Lehrer der Kinder oder die eigenen Eltern irgendwo in „Restdeutschland“ einem das Leben zur Hölle machen. Nein das tun sie natürlich nicht. All diese Menschen tun nur das, was sie immer tun: Sie liefern Steilvorlagen für eine Geschichte nach der Nächsten.

Und wenn man weder Weddinger noch Berliner ist?

Für Weddinger oder zumindest Berliner sind beide Bücher sicher noch amüsanter, dem Außenstehenden dürfte beim Lesen der eine oder andere Seitenhieb entgehen. Generell aber gibt es Viertel wie den Beschriebenen wohl in jeder größeren Stadt – samt seinem lebenden Inventar. Und den sprichwörtlichen Berliner Charme (Achtung, das ist ironisch) kennt sicher auch jeder, der mal dort war. Also kein Problem: Kaufen, lesen, schmunzeln, Vertrautes wiederentdecken und den Autoren recht geben: Genauso ist es. Bei uns auch.
Das ist auch das Gute daran. Würden die Bücher nur im Wedding „funktionieren“, dann könnte man es sich sparen, darüber zu sprechen oder schreiben. Die Weddinger, zumindest der des Lesens mächtige (Bahh – fieses Vorurteil), dürfte die beiden Bücher längst kennen. Da trüge man sowieso nur Eulen nach Athen.

Persönliche Highlights?

Paul Bokowskis hypochondrische Panik vor einer bevorstehenden Tonsillektomie, seine prophylaktischen Abschiedsbriefe an Freunde und Verwandte sind einfach wunderbar. Nicht weniger amüsant ist die Auseinandersetzung mit seinen Eltern per Telefon und Skype. Hin und wieder fragt man sich bei so vielen Spitzen gegen das eigene Elternhaus, wie denn Bokowskis Eltern diese satirische „Abrechnung“ wohl verdaut haben mögen, denkt sich aber gleichzeitig: Meine Eltern sind ja igendwie genauso wie seine…
Heiko Wernings verzweifelter Kampf im Räderwerk der deutschen Amtsstuben um die Ausstellung eines an sich sinnlosen internationalen Führerscheins ist die Quintessenz über das Absurde, nicht der philosophische Versuch sondern ein ganz und gar praktischer Beweis. Und sein fortgesetztes Spotten über die Schule seines Sohnes weiß wohl jeder zu genießen, der selbst Kinder durch die Schule gebracht hat.

Was bleibt?

Beide Bücher sind schnell gelesen, beide Bücher sind sehr unterhaltsam – viel mehr ist es nicht, aber viel mehr soll es auch nicht sein. Von „Verbrauchsliteratur“ zu sprechen, wäre hart und unfair, und wird dem Anspruch der Autoren auf amüsante und satirische Art unterhalten zu wollen, auch nicht gerecht. Es macht Spaß, Leute zu lesen, die ähnlich ticken, wie man selbst. Das ist wie gemeinsames Lästern. Und darum geht es doch letztendlich…

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Im-wilden-WeddingIm wilden Wedding
Autor: Heiko Werning
Broschiert: 192 Seiten
Verlag: edition TIAMAT
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3893201858
ISBN-13: 978-3893201853

Auch als eBook erhältlich.

 

 

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Hauptsache nichts mit Menschen

buch-paul-bokowskiAutor: Paul Bokowski
Broschiert: 160 Seiten
Verlag: Satyr Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 398148911X
ISBN-13: 978-3981489118

Auch als eBook, Taschenbuch und Hörbuch erhältlich.
Paul Bokowski bietet auf seiner Website ein paar Textauszüge an.

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