Der letzte Huelsenbeck

Buchbesprechung – Christian Y. Schmidt: Der letzte Huelsenbeck

Christian Y. Schmidt – Der letzte Huelsenbeck, erschienen im Mai 2018 bei Rowohlt. Ein Buch für Psychotherapeuten und Psychotherapierte. Und für Männer, die in den siebziger Jahren mehr oder weniger erwachsen gemacht und dann von Psychotherapeuten nicht rechtzeitig entdeckt wurden. Ein irres Buch über Irre, das beständig den schmalen Grat zwischen Irrsein und Normalorealo knapp verpasst.

Der letzte HuelsenbeckDie siebziger Jahre werden als das große Zeitalter des Neo-Dadaismus vorgestellt und das ist gar nicht mal so falsch. Diejenigen, die in den späten fünfziger oder frühen sechziger Jahren geboren wurden, waren ja nicht nur enttäuscht von ihren Nazi-Großvätern und Wirtschaftswundervätern, sondern auch von ihren älteren 68er Geschwistern, die schon im langen Marsch verschwunden waren. Sie konnten an kein Wertesystem andocken und schwirrten wie die Dadaisten um Kurt Schwitters und Richard Huelsenbeck halt- und gestaltlos durch Traum und Zeit, ehe sie sich ohne Umweg über die Institutionen in den achtziger Jahren etablieren konnten. Dietmar Dath schreibt in der F.A.Z.:

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#wish@godund andere Katastrophen

Was geht

Ich glaub’s nicht: Das Buch mit den Beiträgen aus dem Kreativwettbewerb meines Freundes Sebastian von Bomhard von Spacenet ist schon da. Dabei ist die Preisverteilung erst Mitte April. Die besten 36 Kurzgeschichten und die besten 31 Bilder zum reichlich abstrusen Thema „Was geht, wenn nichts mehr geht?“

Sowas kann auch nur SvB einfallen; er hat so einen Humor.

Jedenfalls fanden die meisten der sage und schreibe 170 Möchtegern-Bestseller und Amateur-Wortschmiede das Thema offenbar so schwer, dass ihnen nichts weiter als seichte Endzeit-Szenarien und absolut unlesbares „End-of-life“-Gesulze eingefallen ist. Weiterlesen

Digitale Transformation – Laudatio zur Vorstellung des neuen Buchs von Tim Cole

Digitale TransformationDiese kleine Laudatio durfte ich am 5. Oktober 2015 aus Anlass der Vorstellung des neuen Buchs von Tim Cole im Münchner Presseclub halten. Das Buch ist unter dem Titel „Digitale Transformation“ im Verlag Franz Vahlen GmbH unter der ISBN 9783800650439 erschienen.

Dass Tim Cole mich eingeladen hat heute aus Anlass der Vorstellung seines neuen Buchs die Laudatio zu halten, ehrt – nein, nicht mich, es ehrt ihn.

Die Wikipedia definiert ja eine Laudatio als „Lobrede zu Ehren einer Person“. Und weiter: „Bei einer Laudatio gilt es als Fauxpas, den Laureaten in irgendeiner Weise negativ darzustellen oder zu beschämen.“ Aber Tim weiß natürlich, dass unsere nun wirklich viele Jahre schon haltende enge Freundschaft ohne Kritik nicht funktionieren würde. Dass du dies weißt, lieber Tim und ich hier trotzdem stehe, ehrt deinen Mut. Du wirst ihn brauchen. Ich will dich hier nicht ungeschoren davon kommen lassen.

Bücher sind wie Menschen: Schon der schnelle Blick auf die Kleidung meines menschlichen Gegenüber macht mich neugierig, manchmal wohl auch lüstern und gelegentlich gar treibt er mich – etwa im Falle von bunten Hawaii-Hemden – geradewegs in die Flucht. Selten täuscht das Outfit.

Bei deinem neuen Buch lieber Tim ging es mir von Anfang an nicht anders. Ich wusste noch nichts vom Inhalt, da konnte ich nach kurzem Blick auf die Titelentwürfe schon sagen „Ja, dieses Buch möchte ich gerne heute hier im Münchner Presseclub vorstellen“. Denn dieses Buch-Cover ist ein Versprechen auf vollkommene Verwirrung. Ganz offensichtlich bringt der gute Tim wieder ein großes kreatives Durcheinander in die Köpfe seiner übersatten Leser. Zu offensichtlich hat Tim einmal mehr seinen Mut bewiesen, uns Leser hoffnungslos zu überfordern.

Und mit dieser Überforderung meine ich nicht die vermeintliche Ohnmacht des Lesers, Tim’s Ruf zu folgen und sich nun endlich digital zu transformieren. Nein, mich verblüffte deine Unverfrorenheit die Beschreibung des behandelten Gegenstands über eine schlichte unkommentierte Begriffs-Cloud auf dem Cover kundzutun: „Industrie 4.0, Industrial Big Data, 3D-Druck, Arbeiten 4.0, Social Shipping, Customer Journey, Employer Branding, Inbound Marketing, Instant Gratification”

Tim, bist du dir wirklich sicher, dass du nicht doch irgendein aktuelles Buzzword vergessen hast?

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Czyslanskys Bettlektüre #6: Hermann Grab: Der Stadtpark

Hermann Grab Der Stadtpark

„Ich habe Hermann Grabs Erzählung mit einem Vergnügen gelesen, wie sie mir lange kein Manuskript bereitet hat.“ Der Satz könnte von mir sein, ist er aber nicht. Thomas Mann hat sich so über Hermann Grabs kleinen Roman „Der Stadtpark“ geäußert, ein Werk, das fast vergessen war und auf das ich erst durch einen Hinweis meines Sohnes aufmerksam wurde. es war ein wertvoller Hinweis, denn Hermann Grab ist für mich persönlich wohl die literarische (Wieder-)Entdeckung des Jahres. Warum eigentlich?

Herman Grab war ein begnadeter Impressionist der Schriftstellerei. Geboren am 6. Mai 1903 – ja, uns eint der Geburtstag – in Prag, der Stadt in der 20 Jahre zuvor Franz Kafka auf die Welt kam. Zumindest letzteres ist kein Zufall, denn der Geist der Stadt an der Moldau prägte beide. Beide auch waren sie jüdischer Abstammung, wenngleich Grabs Familie wie zahlreiche andere großbürgerliche Sippen auch zum Katholizismus konvergiert war. Grab wie Kafka wurden gleichermaßen von der Erfahrung des Niedergangs der bürgerlichen Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert wie vom Antisemitismus in der modrigen Spätphase der k.u.k.-Monarchie geformt.

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Czyslanskys Bettlektüre #5: „Asterix bei den Pikten“ von Jean-Yves Ferri und Didier Conrad

Nicht von Uderzo? Bitte von wem dann?

Der 35. Asterix-Band ist der erste, der nicht aus der Feder von Albert Uderzo stammt. Zwar hat der geniale Zeichner und einer der beiden Asterix-Väter, noch immer das Heft in der Hand und wacht genau über den Fortgang der Geschichten der weltberühmten Gallier. Aber in diesem Abenteuer stammt der Text erstmals von Jean-Yves Ferri. Die Zeichnungen fertigte Didier Conrad an. Eine neue Generation ist am Start.

War es ein Umbruch?

Das kann man so sagen. Die vorangegangenen Asterix-Abenteuer waren alle eher durchschnittlich, zu oft vom Zeitgeist getragen und manchmal regelrecht verzettelt. Vor allem Band 34 „Asterix und Obelix feiern Geburtstag“ war eher krude.  Jetzt kehrt Asterix wieder zu den Ursprüngen zurück, er bereist ein fremdes Land: Dieses Mal Kaledonien. Mit viel Witz und Ironie handeln Ferri und Conrad die klassischen Schottenklischees ab, wie die Vorgänger Goscinny  und Uderzo allerdings, ohne sich über Land und Leute lustig zu machen. So gesehen ist es eher ein „ad fontes“, das tut der Geschichte gut und macht Hoffnung, dass es in diesem Sinne weitergehen wird. Man kann darüber streiten, aber mir gefielen die Bände besser, in denen Asterix und Obelix „on the road“ sind, als die, die im gallischen Dorf spielen. Und wie üblich (was nicht negativ gemeint ist) kalauert sich die deutsche Übersetzung durch die Namen. Gerade bei den Schotten bietet es sich an: Von Mac Aphon (abgeleitet von Megaphon) bis Mac Nifizenz lauten Eigennamen, allesamt wieder Wortverballhornungen.

asterixWie sind Sie auf das Buch getoßen?

Der Band ist heute erschienen, für mich gehört es zur Pflicht, alle Asterix-Bände nicht nur zu lesen, sondern auch zu besitzen. Also habe ich ihn gleich heute morgen gekauft und sofort gelesen. Weiterlesen

Eine Laudatio zum Buch „Digitale Aufklärung“ von Tim Cole und Ossi Urchs

Cole Urchs Kausch

Die folgende Laudatio durfte ich anlässlich der Vorstellung des Buchs „Digitale Aufklärung“ von Tim Cole und Ossi Urchs am 7. Oktonber 2013 im Münchner Presseclub halten. Die darin zitierten zehn Thesen haben beide Autoren hier auf Czyslansky in kleinen Beiträgen zur Diskussion gestellt:

These 1: http://www.czyslansky.net/?p=9987

These 2: http://www.czyslansky.net/?p=10017

These 3: http://www.czyslansky.net/?p=10057

These 4: http://www.czyslansky.net/?p=10100

These 5: http://www.czyslansky.net/?p=10154

These 6: http://www.czyslansky.net/?p=10182

These 7: http://www.czyslansky.net/?p=10205

These 8: http://www.czyslansky.net/?p=10224

These 9: http://www.czyslansky.net/?p=10227

These 10: http://www.czyslansky.net/?p=10229

 

Laudatio

Worum geht es heute eigentlich? Um nichts wirklich Wichtiges. Nur um ein einfaches Buch. Also um etwas, das dem Aussterben längst anheim gegeben ist. Keine Ahnung, warum Sie sich für etwas so ganz und gar Altertümliches überhaupt noch interessieren. Vielleicht wegen des Inhalts. Es hat immerhin fast einhundert Seiten. Um genau zu sein: es enthält 291.453 Anschläge. Wir reden also über ein Buch in 2.082 Tweets.

Was heißt das?

Einerseits: ich selbst habe für ziemlich genau 4.000 Tweets vier Jahre und vier Monate gebraucht. Tim Cole und Ossi Urchs haben ihr Buch in nicht ganz zwei Jahren verfasst. Kurz: wenn Ihr uns etwas sagen wolltet, so hättet ihr das ebenso gut auch twittern können. Eure Anschlag-pro-Tag-Leistung entspricht derjenigen eines durchschnittlichen Twitteratis.

Andererseits: Tim hält dieses Buch für die Quintessenz von nicht weniger als dreißig Jahren, denn solange kennen sich die beiden Autoren schon. Ihre intellektuelle Blutsbrüderschaft beschlossen sie in ihrer gemeinsamen Zeit als „Edelfedern“ beim bekannten Frauenmagazin „Playboy“ in den 80iger Jahren des letzten Jahrhunderts des letzten Jahrtausends. Dieses Buch ist nichts weniger, als der Ausdruck einer wahren Altersfreundschaft.

Tim beschreibt in seinem Nachwort, wie er in den frühen 90iger Jahren zum ersten Mal vom „Internet“ hörte. Und sein Stichwortgeber war ausgerechnet Ossi Urchs. Dieser Urknall „Tim trifft das Internet“ begab sich, als Ossi ihm von der Band Greatful Dead vorschwärmte, jener Musikgruppe mit den immer etwas ältlichen Fans, die in Hippie-Klamotten und bunten VW Bussen quer und zielunbewusst wie die Lemminge durch den amerikanischen Kontinent kreuzten und deren Musik seinerzeit irgendwie „online und umsonst“ statt auf käuflichem Vinyl verbreitet wurde. Mit diesem Szenario im Kopf und der Befürchtung eines Tages als alternder Playboy-Reporter von der Biologie marginalisiert zu werden, beschloss Tim irgendwann Deutschlands erster Internet-Publizist zu werden. Er startete 1994 sein erstes Blog – den Uropa des Czyslansky-Blogs sozusagen – und traf sich in den kommenden Jahren immer wieder mit Ossi um Meinungen und Deinungen auszutauschen und so entstand im Laufe von bald dreißig langen Jahren ein erstes gemeinsames Buch, eben jenes Buch, um das es heute gehen soll.

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Czyslanskys Bettlektüre #4: Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada

Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Wie immer ein ganzer Stapel.  Aktuell lese ich Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada. Einmal mehr übrigens.

Einmal mehr?

Ich habe es vor Urzeiten gelesen, dann vor zwei Jahren in der neuen, ungekürzten Ausgabe und jetzt habe ich es noch einmal zur Hand genommen. Dieses Mal allerdings lese ich es nicht von vorne bis hinten sondern nur punktuell einige Abschnitte. Szenen, die ich mir noch einmal in Erinnerung bringen möchte. Weiterlesen

Czyslanskys Bettlektüre #3

Wenn man in einem so hochintellektuellen Blog wie diesem schreiben soll, welche Bücher man gerade liest (natürlich sind es gleich mehrere) dann kommt man so ins Grübeln. Soll ich tatsächlich ehrlich sein und mich öffentlich zur Armut meines eigenen Geistes bekennen, in dem ich tatsächlich aufrichtig bin? Oder ist auch ein wenig Blendwerk und Angeberei erlaubt. Übertreibt nicht jeder ein wenig, wenn er sich im Internet und vor allen in den Social-Media-Kanälen darstellt? Warum soll nicht auch ich ein wenig schummeln? Die Leseliste könnte so etwas wie der Wonderbra des (Pseudo)-Intellektuellen sein. Hebt den schlaff gewordenen Geist ein wenig in die Höhe, verpackt in geschickt …

Also ich lese gerade James Joyce Ulysses im englischen Original und vergleiche ihn synoptisch nebenher mit der Homer-Fassung – natürlich auch im Original – zur Entspannung ab und zu den „Mann ohne Eigenschaften“ oder wenn ich partout nicht einschlafen kann, dann schmökere ich in meinem Kurt Schwitters Gesamtwerk …

So viel zur Legende, also zu dem Alexander Broy, als der ich gerne gesehen würde, der „echte“ liest zur Zeit gar kein Buch, sondern ein iPad. Sie wissen schon, das Serviertablett der Familie Cole.

Vor vielen Jahren schon, habe ich Bücher zu Grundnahrungsmitteln erklärt und die Familie kauft nach Lust und Laune Bücher, auch auf meinen Familien-Kindle-Account. Das heisst die Effi Briest von der Oma findet sich neben den Teenage-Vampier-Hexen-Alien-Liebesschnulzen meiner Tochter – alles auf meinem iPad. Und ich? Ich lese das im Grunde auch alles, ein Teller Buntes … Ich zahl es schliesslich auch  … Aber am liebsten mag ich die Klassiker, die Bücher, die ich gratis bekomme. Ausserdem liebe ich es, mir vorzustellen, was zum Beispiel Joseph Roth, dessen „Savoy Hotel“ ich  aktuell lese (stimmt jetzt wirklich) , für Augen machen würde, sähe er mich seine Werke auf so einem Zaubertablett lesen … Henry Bloomfield hätte die Erfindung bestimmt gefallen, der war ohnehin der Urvater des Innovations-Venture-Capitals und hätte sich mit Steve Jobs sicher gut verstanden …

Czyslanskys Bettlektüre #2: Yasar Kemal: Salih der Träumer – und noch fünf andere

Czyslansky-Freund Lutz Prauser hat ja hier gestern seine aktuelle Bettlektüre vorgestellt und eine kleine Reihe über den Lesestatus der Freunde Czyslanskys angekündigt. Derart in Zugzwang gebracht, habe ich nun den Papierstapel neben MEINEM Bett gesichtet. Und hier kommen meine Hinweise auf den aktuellen Lesestoff eines Frühjahrsmüden an den Osterfeiertagen:

Vorweg muss ich anmerken, dass ich häufig zwei bis drei Bücher parallel lese, abhängig von der Stimmung und der Lesehaltung: schwere Hardcover lieber im Schaukelstuhl, „leichte“ Paperback-Kost gerne auch in abendlicher Rückenlage. Beginnen wir also mit Geschaukeltem:

Yasar Kemal: Salih der Träumer

Von Kemal kenne und liebe ich alles. Ich bin quasi Kemalist.

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Czyslanskys Bettlektüre #1: Bordsteinkönig von Michel Ruge

Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Das sind mehrere, ein ganzer Stapel. Oben auf, weil ich es gerade lese Bordsteinkönig: Meine wilde Jugend auf St. Pauli von Michel Ruge. Dadrunter Maarten t‘ Haarts: Unterm Scheffel. Das kommt als Nächstes dran. Und dann noch Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus von Martin Wehrle. Das lese ich parallel zu Ruge, aber nur in kleinen Dosen, sonst regt es mich sehr auf, wie viel Unfug in deutschen Unternehmen geschieht.
Danach steht dann Mo Yans Knoblauchrevolte an. Ich bin neugierig auf den Literaturnobelpreisträger. Und das ist noch lang nicht alles…

Liegen die Bücher nur da oder werden sie auch gelesen?

Ja, sie werden gelesen. Teils gleichzeitig, teils eins nach dem anderen (s.o.) Bücher, die ich mir kaufe, lese ich ich auch. Das ist schließlich der Sinn der Sache. Zumindest fange ich an, sie zu lesen. Bei geschenkten Büchern kann es aber vorkommen, dass es erst mal im Regal landet. Aber irgendwann lese ich es dann doch. Selten, dass ich auf ein Buch gar keine Lust habe, zum Glück kennen die meisten, die mir ein Buch schenken, meinen Geschmack.

Wie sind Sie auf das Buch getoßen, dass Sie gerade lesen?

Michel Ruges Buch habe ich im Handel entdeckt, ganz klassisch beim Stöbern in einem Geschäft. Ich bin ein „Opfer“ des Covers und des Klappentextes geworden. Das klang so spannend, dass ich es gleich gekauft habe. Maarten t’Hart lese ich sowieso immer. Prinzipiell jedes Buch. Er gehört zu meinen absoluten Lieblingsautoren. Martin Wehrles Buch habe ich zum Geburtstag bekommen.

Lohnt es sich?

Das beantworte ich jetzt nur für Michel Ruge. Und da kann ich nur sagen: Ja. Es ist ein wirklich toller, sehr atmosphärischer Blick auf eine Kindheit und Jugend im Hamburger Kiez der 80er Jahre. Ein Kind, das sich nichts sehnlicher gewünscht hat, als Zuhälter zu werden, ein Heranwachsender, der Kampfsport trainiert, der in Stundenhotels, Animierkneipen und Bordellen groß wird, zwischen Nutten, Luden, Schlägern und korrupten Polizisten…
Es ist trotzdem kein Sozialdrama, spielt nicht mit Härte in der Sprache oder Thematik, sondern stellt die Wünsche und Sehnsüchte der Kiez-Kinder in Beziehung zu ihrem realen Leben. Angenehm ist, dass es nicht gleichzeitig auch eine „Anklage“schrift gegen Establishment und Bürgerschichten ist. Man kann es lesen, ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu bekommen, für das Elend anderer Leute verantwortlich zu sein.
Lesenswert ist es auf jeden Fall für alle, die sich für diese Thematik interessieren. Für voyeuristische Ambitionen ist das Buch allerdings weniger geeignet. Das gilt sowohl für die Schilderung von Schlägereien als auch für die Sexszenen. Beides kommt natürlich zur Sprache. Aber man bleibt als lesender Beobachter bzw. beobachtender Leser aber zumeist sehr weit am Rand, ein unbeteiligter Zeuge auf Distanz. An zu vielen Details spart Michel Ruge. Und das ist gut so.
Sehr beeindruckend sind die – natürlich aus dem Rückblick entstandenen – Reflektionen über den Rausch, die Spirale und die Sogwirkung, die die Gewalt bei den Jugendlichen seiner Gang ausgelöst hat und ihn gefangen nimmt. Sei es, dass sie im großen Trupp eine andere Gang klatschen wollen, sei es, dass sie Schaufensterscheiben eintreten und sich an den Auslagen bedienen. Was das Gefühl der Stärke innerhalb der Gang ausmacht, welche Folgen es hat, wenn zwar Passanten (und Polizisten) hinschauen, aber niemand etwas tut… ist äußerst interessant zu lesen und wird hier sehr authentisch geschildert.

Was bleibt?

Die Erinnerung, für ein paar Stunden einen Blick in einen ganz eigenen Mikrokosmos geworfen zu haben. Aber der Bordsteinkönig ist kein Buch für die Ewigkeit, das man sich ins Regal stellt und immer wieder zur Hand nimmt um darin zu blättern. Gebrauchslektüre halt, die man irgendwann dann auch weitgehend vergessen haben wird.

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Bordsteinkönig
Meine wilde Jugend auf St. Pauli

Autor: Michel Ruge

Taschenbuch: 288 Seiten
Auch als e-Book erhältlich
Verlag: Knaur TB
Veröffentlicht am 4. Januar 2013
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3426785501 / ISBN-13: 978-3426785508
in Deutschland: € 9,99

 

Foto: Eva Prauser