Alle Beiträge von Michael Kausch

Michael Kausch bloggt auch auf vibrio, Digisaurier, Travellers Insight, twittert unter www.twitter.com/michaelkausch, facebookelt hier und googelplusst hier.

ein brief von marcello: auf den spuren der ella czyslansky

ella

ella czyslansky, ca. 1878

kaum aus sardischen gefilden zurückgekehrt, erreichte mich gestern ein brief meines neuen freundes marcello umbria – siehe „czyslansky, obama, der sklavenhandel und die österreichische marine“ – mit einem weiteren sensationellen fund. il capitano ludovico czyslansky, von dem an anderer stelle hier schon berichtet wurde, hinterlies offenbar in triest eine tochter: ella czyslansky. diese ella eröffnete im jahr 1875 in der via della pescheria ein etablissement, welches seine erotischen dienstleistungen nur notdürftig hinter der bürgerlichen fassade eines fischlokals verbarg. sie führte das haus nach informationen meines freundes marcello bis zu ihrem tod im jahr 1932.

im sommer 1905 freundete sie sich mit einem ihrer gäste an. dabei handelte es sich um keinen geringeren, als den irischen schriftsteller james joyce, der in jenem sommer erstmals nach triest umgesiedelt war und dem kleinen unternehmen unserer ella zeit seines lebens die treue hielt, wie auch sie ihm in guten wie in schlechten zeiten die stange hielt. sie fütterte joyce in seinen eher kargen triestiner tagen durch, verstand sie sich doch aufs beste in guter alter österreichischer tradition vor allem auf kräftig-schwere süsspeisen. geradezu berühmt war sie für ihre schokoladengerichte.

trotz ihrer zahlreichen literarischen bekanntschaften galt ella auf grund ihres zweifelhaften berufslebens unter den czyslanskys stets als schwarzes schaf. unser czyslansky erfuhr als kind nur hinter vorgehaltener hand von der existenz einer italienischen „nutten-ella“, wie sie despektierlich von seinem vater genannt wurde – ein spitzname, den sie wohl schon von der triestiner „besseren gesellschaft“ verliehen bekommen hatte.

es blieb von ihr nicht viel übrig nach ihrem tod – vom rezept eines nuss-nougat-brotaufstrichs abgesehen, der – freilich in arger verballhornung – ihren spitznamen noch heute in aller welt bekannt hält.

die czyslansky-variante

schach

remis in 42 zügen (czyslansky reagiert mit schwarz)

es ist der einschlägigen fachwelt ja schon lange bekannt, dass czyslansky bereits in jungen jahren als überaus begabter schachspieler galt. in einer alten ausgabe der rumänischen schachzeitung „Revista Româna de Sah“ entdeckte ich jüngst einen hinweis auf die berühmte „czyslansky-variante“, mit der er angeblich am 23. märz 1946 den russischen schachgross- und weltmeister alexander alexandrowitsch aljechin in dessen letzter partie bezwang.

nach nur 32 minuten führte aljechins genialer zug bauer d2:d3 zu einer für den jungen czyslansky, der schwarz spielte, scheinbar ausweglosen situation (siehe oben). in den nächsten 42 zügen aber gelang es czyslansky dem russischen altmeister ein remis abzutrotzen (siehe anatoli karpow: die zwölf schönsten stellungen der schachgeschichte in 24 2d-grafiken. falk praxiswissen band 12). leider ging das wissen um die details der czyslansky-variante später verloren. sie gilt deshalb noch heute als schlichterdings unspielbar. von tigran petrosjan wurde nur der 27. zug überliefert, in dem czyslansky aljechins zug mit dem turm h3:f3 mit dem rösselsprung f4:d5 pariert (tigran petrosjan: wenn der bauer mit der dame. aus dem ukrainischen. unveröffentlichtes manuskript. o.o., o.j., zitiert nach „Revista Româna de Sah“ vom 27. februar 1963). nicht schlecht!

da sich unter den regelmäßigen lesern unseres czyslansky-blogs sicherlich zahlreiche passionierte schachspieler befinden, bitte ich hiermit um vorschläge für die 42 züge, die sich der oben dargestellten ein wenig unübersichtlichen ausgangssituation anschliessen könnten und letztlich zum erwähnten remis führten. vielleicht gelingt uns ja in dieser kleinen und feinen community eine rekonstruktion der sagenhaften czyslansky-variante. dann wäre eine weitere lücke in der rekonstruktion des lebenswerkes unseres verehrten czyslansky geschlossen.

czyslansky, obama, der sklavenhandel und die österreichische marine

Lloydarsenal

es war ein ebenso großer, wie glücklicher zufall, dass ich während meines diesjährigen urlaubs an einem sonnigen mittwochnachmittag im wunderschönen antico caffè am piazza constituzione der sardischen hauptstadt cagliari saß, traf ich doch dort auf die überaus eindrucksvolle gestalt eines mannes in den gehobenen 70igern, die „la nuova sardegna“ unter einem, die „europeo“ unter dem anderen arm. ich kam mit ihm schnell über die qualität des dargebotenen marrocchino ins gespräch und es stellte sich alsbald heraus, dass es sich bei meinem gegenüber um keinen geringeren, als den unter den archivaren der welt hoch gelobten marcello umbria handelte, den ehemaligen leiter des museo del mare trieste, des ebenso wunderbaren, wie leider noch allzu unbekannten triestiner marinemuseums. vor jahren schon war ich bei einem besuch dieses ehrenwerten hauses auf die lange tradition der österreichischen seeschifffahrt aufmerksam geworden, auf maritime helden wie josef ludwig franz ressel, einem österreicher, dem die erfindung der schiffsschraube zu verdanken ist, und dem im erwähnten museum zu recht ein ganzer raum im obergeschoss des hauptgebäudes gewidmet ist. im laufe einiger gläschen vorzüglichen vernaccia di oristano kam mein freund, wie ich ihn heute nennen darf, marcello auf ein thema zu sprechen, bei dem ich im gedenken an unser schönes czyslansky-projekt spontan die ohren spitzte: die geschichte des österreichischen sklavenhandels.

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alle lieben emily

emily

der SPIEGEL träumte gestern online von einer fortsetzung von CASABLANCA, natürlich mit humphrey bogart in der hauptrolle. möglich sei dies durch eine neue technologie, die es nun erstmals erlaubt virtuelle menschen wirklich fotorealistisch in hd-qualität zu „bauen“ und zu animieren. dabei geht es um das sogenannte „emily project“ des amerikanischen spezialisten von image metrics. mit emily wurde dort eine virtuelle frau geschaffen, deren mimik nicht mehr durch eine definierte anzahl von messpunkten auf den gesichtsvorlagen von schauspielern definiert wird. für emily wird die bewegung jedes bildpunkts aus dem abgefilmten portrait einer schauspielerin auf das gesicht emilys überragen. vom erschreckend echten realitätseindruck kann man sich in einem mustervideo einfach überzeugen.

affiliate marketing spezialist Josh Todd träumt angesichts von emily nicht vom schmachtenden bogart, sondern von der zukunft des online marketing. dabei gab es eine – jedenfalls in ihrer zielrichtung – ganz ähnliche entwicklung auch bis vor wenigen jahren in deutschland: unter dem label voxar entwickelte ein team um den deutschen animationsexperten winni obermüller eine software, die es erlauben sollte, aktuelle gesichtsmimiken zu erkennen und in echtzeit auf andere gesichter zu übertragen. die entwickler träumten von einer vermarktung an telefonsexagentinnen, die – in der realität wohl zumeist hausfrauen über vierzig! – per software zum model gestylt ihre dienste künftig über ip-tv  vermarkten könnten. leider ging voxar frühzeitig das geld aus und der erste und einzige kunde, der die technologie zum einsatz brachte waren münchner polizisten. diese testeten die software in einem pilotversuch zur erkennungsdienstlichen behandlung bei der sichtung von videoaufnahmen von demonstrationen …

na ja – vielleicht lassen sich ja mit emily-technik künftig auch die demonstrationen virtualisieren und man kann so den bayerischen beamten ein schnippchen schlagen. man stelle sich vor: 5.000 emilys, bogarts und marilyns protestieren auf münchen.de gegen bush. und beck könnte es als obama verkleidet zum kanzler schaffen. und tim im hohen alter nochmal in den playboy channel. here is looking at you!

vom fernsehprogramm zum waschprogramm – die IFA wächst und wäscht

bosch

die „internationale funkausstellung“ ist tot. die ifa aber lebt weiter: als lifestylemesse für alles, was einen stecker hat. mit der integration weißer ware finden in diesem jahr erstmals auch hersteller wie aeg und bauknecht ein trockenes plätzchen in den berliner messehallen. und was gibt es nicht alles prächtiges anzuschauen: vom kühlschrank mit 17zoll-lcd-glotze und integriertem dvb-t-tuner von siemens und dem neuesten staubsauger von bosch (siehe bild) bis zu „50 jahre AEG waschmaschine lavamat“. wie textet faz.net so schön: „trommel trifft scheibe“.

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massenentführung im web 2.0

twitterspam

techcrunch berichtete gestern von einer neuen spam-alternative: erstmals sind nicht mailsysteme betroffen, sondern twitter. so verfolgen bereits 7.000 unschuldige zwangsstalker johng77536, mehr als 9.000 sogar jpmogan.

das web 2.0 verliert seine unschuld.

siehe auch http://www.techcrunch.com/2008/07/27/who-is-johng77536-and-how-did-he-game-twitter/ und http://upload-magazin.de/?p=987.

tim cole zieht sich für den französischen playboy aus

ich weiss, die überschrift verspricht wieder einmal mehr, als dieser kleine eintrag halten kann. doch bin ich auf dieses erratische versprechen gestossen, als ich heute morgen bei arbeitsbeginn – den tag beginne ich meist mit kleinen fingerübungen am netz – ein kleines phantastisches tool, das eigentlich zur vorbereitung von brainstormings entwickelt wurde, austestete: http://www.oamos.com/

dabei handelt es sich um einen kleinen automaten. man gibt oben einen begriff oder eben einen namen ein – ich habs mit „tim cole“ versucht, und die maschine gibt einem seltsame fundstücke aus dem netz zurück: texte, bilder, töne. die innere logik – oder ist es ein zufallsgenerator? – der maschine gab mir dann eben jenes grauenhafte versprechen zurück, das ich als überschrift dieses kleinen tipps nicht verschmähen konnte.

oamos ist ein werkzeug das spass macht. man darf nur nicht allzu schreckhaft sein. probieren sie’s doch einfach mal aus.

Das Kursbuch ist tot – Print stirbt doch

Hans-Magnus Enzensberger schreibt in der FAZ.NET einen Nachruf auf das Kursbuch. Nein, nicht auf „sein“ Kursbuch, jene von mir einst gelesene und von ihm einster gegründete Zeitschrift. Das wirkliche, wahre und echte Kursbuch der Deutschen Bahn wird eingestellt. Ein letztes Mal erscheint der dicke Wälzer, der auf dünnem Papier auflistet, wann, wo, welche Züge eigentlich abfahren sollen. Ein Werk, das in alter Zeit ebenso unverzichtbar war, wie das gelbe Telefonbuch.

kursbuch

In der elektronischen F.A.Z. erzählt der große Erzähler von seinem Vater, einem leidenschaftlichen Zeigefingerreisenden und seinem „Amtlichen Kursbuch für das Reich, Teil 4, Fremde Länder, Jahrgänge 1928-1939“, einem frühen Helge Schneider, der uns von ein paar Jahren den Expeditionsroman „Globus Dei“ auf gleicher Wissensbasis geschenkt hat.

Mein alter Freund Walter war in den 70iger Jahren weithin (jedenfalls im Fränkischen) dafür bekannt, dass er zahllose selten und nur von unbekannten Reisenden genutzte Provinzverbindungen inklusive Anschlussdaten zu den roten Bahnbussen auswendig aus dem Kursbuch rezitieren konnte. Erzählte er uns zu nächtlicher Kneipenzeit aus dem Kursbuch, so erschloss sich auch mir die Poesie dieses Werks. Ich erinnere mich auch an einen Vortrag von Gedichten Wolf Wondratscheks, in dem eines der Werke bloß aus einer Zusammenstellung solcher Kursverbindungen bestand.

Ich werde es vermissen, das Kursbuch der Deutschen Bahn, auch wenn ich es schon lange nicht mehr zur Hand genommen habe. So wie ich bald schon das konservative Rascheln der F.A.Z. vermissen werde, auch wenn ich sie seit langem schon nur in den Ausschnitten eines Clippingsdienstes lese.

czyslansky beim meidericher sv

wer kennt sie nicht, die beliebten paganini fussballsammelbilder? die vorläufer der paganinis gab es aber schon in den 50iger und 60iger jahren. damals natürich noch in erheblich kleineren auflagen, herausgegeben u.a. vom otto-sicker-verlag und heute für viel geld bei ebay gehandelt. und eben dort bin ich vergangene woche auf einen sensationellen fund gestossen: sammelbilder der spieler der ersten mannschaft des meidericher sv aus dem jahr 1964. die meidericher spielten damals in der bundesliga und belegten nach dem letzten spieltag hinter dem club den siebten platz.

czyslansky beim meidericher sv Kopie

direkt über dem unvergessenen weltmeister helmut rahn und auf einem blatt mit dem späterem club-trainer und wahlfranken heinz höher findet sich ein spieler, dessen name mir bislang nicht geläufig war: hans czyslansky! dabei kann es sich eigentlich nur um den neffen unseres czyslansky handeln, unehelicher sohn der berta skapcek. berta skapcek war ja in den 30iger jahren mit moshe czyslansky befreundet, trennte sich aber 1938 von ihm. sollte ihr sohn später den namen seines mutmasslichen leiblichen vaters angenommen haben? davon ist der forschung bislang nichts bekannt. ich habe den msv duisburg, rechtsnachfolger des meidericher sportvereins, inzwischen um unterlagen zu hans czyslansky gebeten. sollte der kleine hans noch leben wäre das eine sensation für die czyslansky-forschung. es gäbe vermutlich sogar einen erben für die alte remington, die wir im gedenken an czyslansky noch immer sorgsam aufbewahren. ich bleibe am ball!