Alle Beiträge von Michael Kausch

Michael Kausch bloggt auch auf vibrio, Digisaurier, Travellers Insight, twittert unter www.twitter.com/michaelkausch, facebookelt hier und googelplusst hier.

alle lieben emily

emily

der SPIEGEL träumte gestern online von einer fortsetzung von CASABLANCA, natürlich mit humphrey bogart in der hauptrolle. möglich sei dies durch eine neue technologie, die es nun erstmals erlaubt virtuelle menschen wirklich fotorealistisch in hd-qualität zu „bauen“ und zu animieren. dabei geht es um das sogenannte „emily project“ des amerikanischen spezialisten von image metrics. mit emily wurde dort eine virtuelle frau geschaffen, deren mimik nicht mehr durch eine definierte anzahl von messpunkten auf den gesichtsvorlagen von schauspielern definiert wird. für emily wird die bewegung jedes bildpunkts aus dem abgefilmten portrait einer schauspielerin auf das gesicht emilys überragen. vom erschreckend echten realitätseindruck kann man sich in einem mustervideo einfach überzeugen.

affiliate marketing spezialist Josh Todd träumt angesichts von emily nicht vom schmachtenden bogart, sondern von der zukunft des online marketing. dabei gab es eine – jedenfalls in ihrer zielrichtung – ganz ähnliche entwicklung auch bis vor wenigen jahren in deutschland: unter dem label voxar entwickelte ein team um den deutschen animationsexperten winni obermüller eine software, die es erlauben sollte, aktuelle gesichtsmimiken zu erkennen und in echtzeit auf andere gesichter zu übertragen. die entwickler träumten von einer vermarktung an telefonsexagentinnen, die – in der realität wohl zumeist hausfrauen über vierzig! – per software zum model gestylt ihre dienste künftig über ip-tv  vermarkten könnten. leider ging voxar frühzeitig das geld aus und der erste und einzige kunde, der die technologie zum einsatz brachte waren münchner polizisten. diese testeten die software in einem pilotversuch zur erkennungsdienstlichen behandlung bei der sichtung von videoaufnahmen von demonstrationen …

na ja – vielleicht lassen sich ja mit emily-technik künftig auch die demonstrationen virtualisieren und man kann so den bayerischen beamten ein schnippchen schlagen. man stelle sich vor: 5.000 emilys, bogarts und marilyns protestieren auf münchen.de gegen bush. und beck könnte es als obama verkleidet zum kanzler schaffen. und tim im hohen alter nochmal in den playboy channel. here is looking at you!

vom fernsehprogramm zum waschprogramm – die IFA wächst und wäscht

bosch

die „internationale funkausstellung“ ist tot. die ifa aber lebt weiter: als lifestylemesse für alles, was einen stecker hat. mit der integration weißer ware finden in diesem jahr erstmals auch hersteller wie aeg und bauknecht ein trockenes plätzchen in den berliner messehallen. und was gibt es nicht alles prächtiges anzuschauen: vom kühlschrank mit 17zoll-lcd-glotze und integriertem dvb-t-tuner von siemens und dem neuesten staubsauger von bosch (siehe bild) bis zu „50 jahre AEG waschmaschine lavamat“. wie textet faz.net so schön: „trommel trifft scheibe“.

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massenentführung im web 2.0

twitterspam

techcrunch berichtete gestern von einer neuen spam-alternative: erstmals sind nicht mailsysteme betroffen, sondern twitter. so verfolgen bereits 7.000 unschuldige zwangsstalker johng77536, mehr als 9.000 sogar jpmogan.

das web 2.0 verliert seine unschuld.

siehe auch http://www.techcrunch.com/2008/07/27/who-is-johng77536-and-how-did-he-game-twitter/ und http://upload-magazin.de/?p=987.

tim cole zieht sich für den französischen playboy aus

ich weiss, die überschrift verspricht wieder einmal mehr, als dieser kleine eintrag halten kann. doch bin ich auf dieses erratische versprechen gestossen, als ich heute morgen bei arbeitsbeginn – den tag beginne ich meist mit kleinen fingerübungen am netz – ein kleines phantastisches tool, das eigentlich zur vorbereitung von brainstormings entwickelt wurde, austestete: http://www.oamos.com/

dabei handelt es sich um einen kleinen automaten. man gibt oben einen begriff oder eben einen namen ein – ich habs mit „tim cole“ versucht, und die maschine gibt einem seltsame fundstücke aus dem netz zurück: texte, bilder, töne. die innere logik – oder ist es ein zufallsgenerator? – der maschine gab mir dann eben jenes grauenhafte versprechen zurück, das ich als überschrift dieses kleinen tipps nicht verschmähen konnte.

oamos ist ein werkzeug das spass macht. man darf nur nicht allzu schreckhaft sein. probieren sie’s doch einfach mal aus.

Das Kursbuch ist tot – Print stirbt doch

Hans-Magnus Enzensberger schreibt in der FAZ.NET einen Nachruf auf das Kursbuch. Nein, nicht auf „sein“ Kursbuch, jene von mir einst gelesene und von ihm einster gegründete Zeitschrift. Das wirkliche, wahre und echte Kursbuch der Deutschen Bahn wird eingestellt. Ein letztes Mal erscheint der dicke Wälzer, der auf dünnem Papier auflistet, wann, wo, welche Züge eigentlich abfahren sollen. Ein Werk, das in alter Zeit ebenso unverzichtbar war, wie das gelbe Telefonbuch.

kursbuch

In der elektronischen F.A.Z. erzählt der große Erzähler von seinem Vater, einem leidenschaftlichen Zeigefingerreisenden und seinem „Amtlichen Kursbuch für das Reich, Teil 4, Fremde Länder, Jahrgänge 1928-1939“, einem frühen Helge Schneider, der uns von ein paar Jahren den Expeditionsroman „Globus Dei“ auf gleicher Wissensbasis geschenkt hat.

Mein alter Freund Walter war in den 70iger Jahren weithin (jedenfalls im Fränkischen) dafür bekannt, dass er zahllose selten und nur von unbekannten Reisenden genutzte Provinzverbindungen inklusive Anschlussdaten zu den roten Bahnbussen auswendig aus dem Kursbuch rezitieren konnte. Erzählte er uns zu nächtlicher Kneipenzeit aus dem Kursbuch, so erschloss sich auch mir die Poesie dieses Werks. Ich erinnere mich auch an einen Vortrag von Gedichten Wolf Wondratscheks, in dem eines der Werke bloß aus einer Zusammenstellung solcher Kursverbindungen bestand.

Ich werde es vermissen, das Kursbuch der Deutschen Bahn, auch wenn ich es schon lange nicht mehr zur Hand genommen habe. So wie ich bald schon das konservative Rascheln der F.A.Z. vermissen werde, auch wenn ich sie seit langem schon nur in den Ausschnitten eines Clippingsdienstes lese.

czyslansky beim meidericher sv

wer kennt sie nicht, die beliebten paganini fussballsammelbilder? die vorläufer der paganinis gab es aber schon in den 50iger und 60iger jahren. damals natürich noch in erheblich kleineren auflagen, herausgegeben u.a. vom otto-sicker-verlag und heute für viel geld bei ebay gehandelt. und eben dort bin ich vergangene woche auf einen sensationellen fund gestossen: sammelbilder der spieler der ersten mannschaft des meidericher sv aus dem jahr 1964. die meidericher spielten damals in der bundesliga und belegten nach dem letzten spieltag hinter dem club den siebten platz.

czyslansky beim meidericher sv Kopie

direkt über dem unvergessenen weltmeister helmut rahn und auf einem blatt mit dem späterem club-trainer und wahlfranken heinz höher findet sich ein spieler, dessen name mir bislang nicht geläufig war: hans czyslansky! dabei kann es sich eigentlich nur um den neffen unseres czyslansky handeln, unehelicher sohn der berta skapcek. berta skapcek war ja in den 30iger jahren mit moshe czyslansky befreundet, trennte sich aber 1938 von ihm. sollte ihr sohn später den namen seines mutmasslichen leiblichen vaters angenommen haben? davon ist der forschung bislang nichts bekannt. ich habe den msv duisburg, rechtsnachfolger des meidericher sportvereins, inzwischen um unterlagen zu hans czyslansky gebeten. sollte der kleine hans noch leben wäre das eine sensation für die czyslansky-forschung. es gäbe vermutlich sogar einen erben für die alte remington, die wir im gedenken an czyslansky noch immer sorgsam aufbewahren. ich bleibe am ball!

angie allein im web?

der jugend- und online-ableger der süddeutschen zeitung jetzt.de bringt ein interview mit markus beckedahl von re-publica zu dessen studie über politiker im web 2.0.  die ergebnisse der untersuchung sind nicht überraschend: deutsche politiker scheuen das soziale netz wie  ministranten katholische priester.

„In den USA hat Barack Obama über eine Million Unterstützer bei Facebook. In Deutschland haben wir von Angela Merkel ein Profil bei Facebook gefunden, sonst aber von so gut wie keinem Politiker in einem sozialen Netzwerk“  (beckedahl). deutsche parteien investierten noch zu wenig in online-wahlkämpfe, so der deutsche online-politik-papst.

aber liegt das nur an der unfähigkeit der pr- und marketingprofis hinter unseren politikern? daran, dass die moritz hunzingers ihren kunden zwar die anzüge kaufen, aber kein blog einrichten?
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Blüm, Marx, Zumwinkel und der ganze Wahnsinn

„Wo die Moral abhanden kommt, da gerät der freiheitliche Rechtsstaat in Gefahr.“ Dies lies Horst Köhler vor wenigen Tagen bei der Verleihung des Max-Weber-Preises für Wirtschaftsethik in Berlin verlauten. Aber stimmt das eigentlich?

Ich meine, es stimmt auf gefährliche Weise nicht! Angesichts der zahllosen aktuellen Skandale um offene Rechtsbrüche unserer Vorzeigeunternehmen von Siemens bis zur Deutschen Telekom vermischt die öffentliche Diskussion zwei grundsätzlich voneinander unabhängige Probleme:

Natürlich ist es wahr, dass die soziale Ungleichheit in unserem Land zunimmt. Natürlich orientieren sich die Vorstände unserer börsennotierten Unternehmen in erster Linie an den Interessen ihrer Shareholder und nicht an den Interessen ihrer Mitarbeiter. Natürlich schanzen sich Vorstände hohe Abfindungen zu, wenn sie ihr Unternehmen mitsamt ihrer Mitarbeiter an den Wettbewerb verkaufen. Und natürlich ist das alles nicht schön und manchmal auch auf lange Sicht für unsere Gesellschaft, die auf Konsens beruht, gefährlich. Aber das ist eine Wertedebatte, die es in privatwirtschaftlich verfassten Wirtschaftssystemen immer schon gab und auch immer geben muss. Es ist die alte Diskussion um die neuerdings wieder so beliebten paternalistisch organisierten Familienunternehmen einerseits (siehe Handelsblatt vom 17. Juni) gegen die modernen und anonymen Aktiengesellschaften, die für Karl Marx eine Vorlage für sozialistische Unternehmen und für Norbert Blüm eine prima Voraussetzung zum sozialen Ausgleich über die Arbeitnehmerbeteiligung am Produktivvermögen, darstellen. Da scheinen heute in der Diskussion die Fronten gehörig durcheinander zu geraten. Aber das ist ein eigenes Thema …
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war czyslansky ein verfechter der kleinschreibung? nein!

tim cole hat mich vor wenigen tagen darauf angesprochen, ob czyslansky wirklich ein verfechter der konsequenten kleinschreibung gewesen sei. frühe kontakte zu den gestaltern des bauhauses, aber vor allem ein heute verschollenes traktat czyslanskys über die brüder grimm und ihr wörterbuch würden auf eine solche radikale position czyslanskys hinweisen. (an dieser stelle sei auf jacob grimms berühmte verteidigung der minuskel verwiesen: „den gleichverwerflichen misbrauch groszer buchstaben für das substantivum, der unserer pedantischen unart gipfel heißsen kann, habe ich … abgeschüttelt.“)

ich glaube das nicht. vielmehr arbeitete czyslansky, soweit ich weiss, immer schon auf einer alten remington noiseless no.6. das gute stück stammte aus der ersten fertigung von 1929 und die umschalttaste hakte von beginn an ein wenig. czyslansky hat sich damit arrangiert, in dem er sie – so gut es eben ging – ignorierte. „die anderen tasten schnurren noch immer wie ein jaguar“, so czyslansky am 6. mai 1959 in einem brief an seine damalige geliebte eireen brokenshire. das erklärt doch einiges …