Sic transit timor mundi

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Schon vergessen?

Heute müßte eigentlich ein denkwürdiger Tag sein: Vor acht Jahren, genau um 8:46 Uhr bohrte sich American Airlines Flug 11 mit einem Gotteswahnsinnigen am Steuer in den Nordturm des World Trade Center.

Ich weiß es noch wie heute: Unsere Nachbarin hörte es in den neun Uhr Nachrichten und rief rüber: „Das World Trade Center brennt!“ Ich schaltete den Fernseher ein – und sah die schrecklichsten Live-Bilder meines Lebens, nämlich wie United Airlines Flug 175 langsam, aber unaufhaltsam auf den intakten Südturm zuflog. Meine Frau und ich hielten uns an den Händen und schauten ungläubig zu, wie die Maschine wie in einer schlechten Science-Fiction-Animation in der grauen Wand verschwand und hinten ein grell orangefarbener Feuerball herauskam. Ich weiß noch, dass ich mich seltsam erinnert fühlte an einen Feuerschlucker, den ich neulich in der Heidelberger Altstadt gesehen hatte: Der spukte genau so eine Stichflamme aus.

Diese Bilder werden mich verfolgen, bis ich mich ins Grab lege. Und ich dachte immer, ich sei da nicht alleine. Heute morgen habe ich also beim Zeitungaufschlagen mehr oder weniger vorausgesetzt, dass ich ein Foto von damals auf der ersten Seite finden würde.

Ich schaue immer zuerst die „Süddeutsche“ an, weil für mich der Tag normalerweise mit dem „Streiflicht“ beginnt. Das einzige Foto war aber von einem handgeschriebenen Plakat, auf dem die Namen „Opel“ und „Magna“ von lauter kleinen Herzchen umringt waren. Ich blätterte weiter und wurde endlich im Feuilleton fündig, auf Seite 12. Unter der Überschrift „Das Loch in der Skyline“ ging es darum, dass die Wiederaufbauarbeiten auch acht Jahre nach dem Anschlag immer noch im bürokratischen Sumpf feststecken.

Dann nahm ich mir die „International Herald Tribune“ vor, und tatsächlich war dort ein betender Feuerwehrmann zu sehenvor einer Ehrentafel mit der Aufschrift: „September 11, 2001“. Darunter stand ein Zweizeiler, in dem behauptet wird: „Damals dachten die New Yorker, es würde sich alles verändern. Statt dessen haben sie gelernt, dass die meisten Dinge bleiben, wie sie sind.“

Ich halte das für eine absolut schwachsinnige Behauptung. 09/11 hat unsere Welt so gründlich verändert wie kein anderes Ereignis in jüngster Zeit. Ich sage nur: Abbau demokratischer Grundrechte in fast allen westlichen Ländern, Krieg in Afghanistan und Irak, hochnotpeinliches Abtasten am Flughafen, und und und…

Gut, der Terrorangriff von New York ist nicht das einzige denkwürdige Ereignis, das sich am 11ten September jährt.

  • Heute vor genau 2000 Jahren endete die Schlacht am Teutoburger Wald eins zu null für Deutschland.
  • Am 11ten September 1185 sicherte sich Isaak II Angelus die byzantinische Thronfolge, indem er seinen Rivalen Stephanus Hagiochristophorites ermordete.
  • Vor genau 400 Jahren, am 11ten September 1609, setzte Henry Hudson am 11ten September erstmals seinen Fuß auf Manhattan und legte damit sozusagen den allerersten Grundstein für das World Trade Center. 
  • Mahatma Gandhi verwendete am 11ten September 1906 zum ersten Mal den Begriff „Satyagraha“, um seine Vorstellung einer gewaltfreien Befreiungsbewegung in Südafrika zu beschreiben.
  • Am 11ten September 1978 setzen sich US-Präsident Jimmy Carter, Ägyptens Anwar Sadat Israels Ministerpräsident Menachem Begin erstmals in Camp David an einen Tisch, um Friedensverhandlungen im Nahen Osten aufzunehmen.

Es gibt – Wikipedia sei dank – eine ganze Menge wichtiger Ereignisse, die sich an diesem Tag jähren. Aber dass sich DAS Ereignis schlechthin, jedenfalls das mit den meisten Auswirkungen auf die heutige Generation.

Damals haben wir alle gedacht, wir würden diesen Tag niemals vergessen. Wie es aussieht, hat das Vergessen aber schon längst angefangen. Ich bin jedenfalls schon gespannt, was ich finden werde, wenn ich nächstes Jahr am 11ten September die Zeitung aufschlage – und ob ich überhaupt etwas finden werde.

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