Per Twitter trauern

tohug1

In memoriam: @tohug twittert nicht mehr.

Ich habe plötzlich ein echtes Netiquetten-Problem. Eigentlich ist es ja ein Twittiquetten-Problem, denn mein junger, ungemein sympathischer Kollege Martin Hug (@tohug) ist am Samstag nach einer Notoperation verstorben. Er hatte erst am 5. März seinen ersten Tweet abgesetzt („Nun wird mit toolbar getwittert – und mobil krieg ich’s auch noch hin…“) und war mit Lust und Freude bei der Sache.

Er war nicht nur als Twitterer witzig und charmant („Frühjahrswetter: die reizende Nachbarin reagiert kleidungstechnisch völlig angemessen aufs warme Wetter…hüstel, hüstel“), eher hintersinnig als vordergründig („Gehe gleich zu einem Vortrag von Ba-Wü-Miniprä Oettinger. Mal sehen, ob ich so schnell hören kann wie der spricht.“). Von ihm stammte vor kurzem die wunderbar zeitgemäße Frage: „wenn die grippalen Symptome nicht gaaanz so schlimm sind, ist das dann #meerschweinchengrippe?“.

Am 8. Mai hat er einen letzten Kurztext abgesetzt („mal so gefragt: hat zufällig jemand so ein Münzfernrohr abzugeben? So eines, wie sie an Aussichtspunkten installiert sind?“). Und nun verstehen seine Kollegen und seine junge Frau die Welt nicht mehr.

Ich habe versucht, ihm einen dem Medium entsprechend knappen Nachruf hinterher zu schicken („Mein netter junge Kollege @tohug aus Freiburg wird nicht mehr twittern: Er ist am Wochenende nicht mehr aus der Narkose aufgewacht…“). Und nun weiß ich nicht: Soll ich – muß ich – ihn jetzt aus der Liste derjenigen löschen, die ich bei Twitter verfolge? Ist das pietätlos? Soll ich erst ein paar Tage oder Wochen (wie viele?) verstreichen lassen, oder gleich tabula rasa machen? Und bin ich vielleicht verrückt, weil ich mich überhaupt mit einer solchen Frage herumplage? Vielleicht weiß ja einer von Euch eine Antwort.

10 Gedanken zu „Per Twitter trauern“

  1. Hallo Tim,

    da trauern eine sehr persönliche Angelegenheit ist, sollte jeder das machen, was er selbst für richtig hält. Ich kann mir vorstellen, dass es Sinn macht den Verstorbenen zum Andenken in der Following-Liste zu behalten, es kann aber auch passend sein, ihn als Zeichen des Verlustes zu löschen.

    Im Grunde ist es ja sonst auch so: wie lange man z. B. in schwarz gekleidet bleibt hängt vom eigenen Verhältnis zum Verstorbenen ab und davon, wie man seine eigenen Gefühle über das Ereignis der Öffentlichkeit gegenüber darstellen möchte.

    Ich denke, da kann Dir keiner helfen, Du kannst aber auch nichts „falsch“ machen.

    Dorit

  2. Mir ist genau die gleiche Frage durch den Kopf gegangen, als eine fruehere Kollegin ploetzlich starb, ich aber bei facebook immer noch den Kontakt zu ihr vorgeschlagen bekam (wir waren noch keine „Freunde“ auf FB).

    Ihre FB Freunde haben ihr Profil dann fuer die Oeffentlichkeit freigestellt (sonst haette ich es nicht sehen koennen) und gefuellt mit all den Sachen die sie ihr gerne gesagt haetten, wofuer es aber ausser in der digitalen Welt zu spaet war. Das war ein wirklich schoenes Memorial, gleichzeitig beaengstigend wenn man die letzte Statusmeldung vom Tag davor sah und wusste wie ploetzlich sie aus dem Leben gerissen wurde (wie dein Freund, Tim)

    Ich fand die Erinnerungsposts schoen, aber es ist jetzt schon mehr als ein halbes Jahr her, und das Profil ist nicht mehr sichtbar aber auch nicht geloescht, denn immer noch wird sie mir als „People you may know“ vorgeschlagen. Und das finde ich nicht mehr gut.

    Da muesste es von den Networks vielleicht eine Loesung geben, die den geliebten Menschen das „Digitale Memorial“ laesst, sie aber auch nicht wie noch Lebende behandelt.

    Claudia

  3. Hallo Tim,

    einen Nachruf per Twitter – warum nicht in die Trauer mit einschließen – jeder geht anders mit der Trauer um, im Endeffekt sind wir aber mit der Trauer und uns doch ganz alleine..

    Marcel

  4. hallo tim,

    da ich leider zu oft in einer ähnlichen situation war, kann ich dir nur sagen, dass ich immer, als ein zeichen des nicht-vergessens, nicht gelöscht habe… die telefonnummer im handy, den eintrag im freundeskreis etc….war für mich ein besseres verabschieden als den „delete/remove/löschen“-button zu drücken.

    stefanie

  5. Ich habe eine ähliche Situation leider auch schon erlebt (allerdings zu Prätwitter-Zeiten) und kann Deine Ratlosigkeit in diesem Punkt komplett verstehen. Wenn ich aus meiner eigenen Erfahrung heraus eine Anregung geben sollte, würde ich sagen: Integrier‘ die digitale Vernetzung in den Abschiedsprozess, als Ritual quasi.

    Das bedeutet: In der Zeit des Abschieds – der Trauerphase – bleibt die Verknüpfung bestehen, so wie es dem eigenen Gefühlsleben ja meistens auch entspricht. Wenn der Abschied irgendwann innerlich verwunden und die Trauer beendet ist, macht plötzlich auch das Löschen des Followers Sinn. Der Impuls dazu kommt wahrscheinlich ganz von selbst, weil sich auch innerlich die „Verknüpfung“ gelöst hat.

    Solche rituellen Handlungen vollzieht man ja in der analogen Welt auch, um der eigenen Seele so einen Verlust begreiflich zu machen. Warum dann nicht in der digitalen? Aber analog wie digital, es muss für einen „passen“. Und ich meine, Herz und Bauchgefühl sind in diesem Punkt ein besserer Ratgeber als der Kopf.

  6. Ich war geschockt, als ich hier im Blog von @tohug s Tod gelesen habe. (So sehr, dass ich diesen Kommentar noch einmal tippen muss, weil ich ihn heute früh anscheinend nicht gesendet habe)

    Ich habe ihn über Twitter kennengelernt und habe mit ihm erst kürzlich in einer Münchner Zigarrenbar einen sehr netten, launigen und interessanten Abend verbracht, an dem wir uns zum ersten Mal persönlich begegnet sind und uns auf Anhieb sympathisch waren. Ich kann mich also nicht wirklich als einen sehr engen Freund bezeichnen und doch ist meine Trauer tief und die Bestürzung gross.

    Ich werde @tohug auf jeden Fall in meiner Followerliste behalten und er wird mir in meiner Timeline fehlen!

    @tohug ich bin dankbar, dass ich mit dir mehr als 140 Zeichen wechseln durfte, wir sehen uns in der Cloud

  7. Ich fand folgenden Kommentar, der mich über cole.de erreichte, so wertvoll, dass ich ihn hier wiederholen möchte:

    „Das „following“ eines Lebenden zu beenden, weil ich kein Interesse mehr an seiner Person oder seinen Botschaften habe, ist eine überlegenswerte Handlung. Bei einem Toten, noch dazu einem lieben Toten, empfinde ich es ehrenwert, die Tatsache, dass ich ihn des Folgens würdig empfand, so stehen zu lassen.

    Im übertragenen Sinn werden wir alle ihm einmal folgen. Und dann werden unsere hinterlassenen Worte, mit Glück, mehr sein als ein Zwitschern…“

  8. Als im letzten Jahr unser ehemaliger Klassenkamerad verstorben ist, hatte ich ähnliche Gedanken wie du und es hat bestimmt 8 Wochen gebraucht, bis ich seine Adresse aus der Mailingliste ausgetragen habe. Es war (auch wenn es eine banale Tätigkeit ist) ein erneuter Abschied.

  9. ich habe die Telefonnummer meiner 2004 verstorbenen besten Freundin immer noch in meinem Handy gespeichert & ihre Adresse immer noch in meinem Adressbuch. Ab und zu stolpere ich darüber und denke an sie – ich denke auch ohne diese Erinnerungen noch oft an sie. Ich werde diese Daten niemals löschen, so wie ich sie nicht aus meinem Herzen löschen kann.
    Ja, das Leben geht weiter.
    Ja, man muss sich verabschieden.
    Aber man muss nicht vergessen. Man muss nicht alle Spuren verwischen als hätte es diesen Menschen niemals gegeben.

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